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Der Freerider und das Risiko

SPURTREU

Der Freerider und das Risiko

Stefan Häusl über die Entstehung seines neuen Films und Sicherheit beim Extremskifahren

„Freeriden erfordert Können und Mut, aber auch Erfahrung und alpinistisches Wissen“

Text: Eva Schwienbacher, Foto: Hanno Mackowitz

Egal ob Filmdreh oder Freizeitgestaltung – Freeriden erfordert intelligentes Risikomanagement und eine sorgfältige Planung, sagt der Profisportler Stefan Häusl. Auch bei seinem jüngsten Filmprojekt spielte Sicherheit eine große Rolle.

Bis zu den Hüften steckten Stefan Häusl und sein Freeride-Partner Björn Heregger im Neuschnee, als sie beim Aufstieg die 150 Meter fast senkrecht abfallende Traverse passierten. Ein Fehler oder ein Schneebrett an dieser exponierten Stelle unterhalb der 3.148 Meter hohen Kuchenspitze hätten für die beiden fatale Folgen gehabt. „In diesem Augenblick dachte ich mir für kurze Zeit, ich sei am falschen Ort“, erinnert sich Häusl an den Drehtag Ende April dieses Jahres am Arlberg zurück.

Doch als Vollprofi, Skilehrer und erfahrener Skiführer wusste der Wahltiroler mit der plötzlichen Angst umzugehen. „In solchen Momenten rufe ich mir die Erkenntnisse aus der Vorbereitung in Erinnerung, um mich von einer emotionalen auf die sachliche Ebene zu bringen. Und die Fakten sprachen in diesem Moment andere Worte als meine innere Stimme: Lawinentechnisch war es bombensicher.“

Stefan Häusl bei der Abfahrt durch die  Nordwand der Kuchenspitze im Westen Tirols

Tirol bevorzugt

Stefan Häusl und Björn Heregger zählen zu Österreichs versiertesten Freeridern und sind am Berg ein eingespieltes Team. Regelmäßig realisieren die Extremsportler Filmprojekte und versorgen Freeride-Fans mit spektakulären Bildern. In ihrem jüngsten Kurzfilm „Spurtreu“, den sie gemeinsam mit dem Filmemacher Hanno Mackowitz realisert haben, stehen die Besteigung und Befahrung der Kuchenspitze – des zweithöchsten Bergs der Verwallgruppe – sowie ihre Beweggründe fürs Freeriden im Mittelpunkt. Getreu ihrer Philosophie, vor allem in Tirol und ausschließlich bei perfekten Verhältnissen zu drehen, haben Häusl und Heregger Ort und Zeitpunkt für die Aufnahmen gewählt.

Björn Heregger und Stefan Häusl

„Tirol ist prädestiniert zum Freeriden. Die Berge haben die richtige Höhe und sind landschaftlich einzigartig“, schwärmt der Vierzigjährige, der als Freeride-Profi fast die ganze Welt bereist, zum Drehen aber am liebsten vor der Haustür bleibt. Speziell in puncto Sicherheit spricht einiges für Heimprojekte. „Wir können den Verlauf des Winters beobachten, wissen, wann es zum ersten Mal geschneit hat, wie die Schneedecke aufgebaut und welche Situation kritisch ist. Hinzu kommt der persönliche Kontakt zum Lawinenwarndienst Tirol.“ Vor der eigenen Haustür könne man den Dreh bei unsicheren Verhältnissen abbrechen, ohne allzu hohe finanzielle Verluste einzustecken. Und nicht zuletzt würde auch der zeitliche Druck wegfallen.

Die Entstehung eines Projekts

Neue Lines finden heißt für Häusl, in der Landschaft lesen. Wann immer der gebürtige Salzburger draußen unterwegs ist, scannt er die Felswände. Die Nordwand der Kuchenspitze fiel ihm während einer Bergtour mit seiner Frau im Sommer 2015 auf. Restschneefelder ließen die Möglichkeiten an diesem Berg erahnen. „Ich sah das Gelände und konnte mir die Abfahrt bereits vorstellen.“ Anhand von Fotos des Steilhangs aus unterschiedlichen Perspektiven konkretisierten Häusl, Heregger und ihr Filmteam das Projekt.

Die Nordwand der Kuchenspitze

Doch zunächst spielte Mutter Natur nicht mit: Der Schnee blieb während des ganzen Winters nahezu aus. Häusl und Heregger gingen anderen Projekten nach. Fast hatten sie sich schon damit abgefunden, das Abenteuer Kuchenspitze aufs kommende Jahr zu vertagen, als im März Frau Holle doch noch einmal ihre Betten ausschüttelte. „Dicke Schneeflocken fielen vom Himmel, richtig schöner Frühlingsschnee“, schwärmt Häusl.

Herausforderung Umdrehen

Was die Crew hoffte, wurde durch Fotografien bestätigt: Bislang sichtbare Felsen waren unter Schneepolstern verschwunden und die Flanken des Bergs in ein weißes Tuch gehüllt – der Winter war zurückgekehrt. Nun galt es, die Tour bis ins kleinste Detail zu planen und Fragen zu klären wie: Wann muss das Team starten? Wann am Gipfel sein? Wann ist das Licht perfekt für die Aufnahmen? Wie ist die Lawinenlage?

„Über die Jahre habe ich jedoch gelernt, dass jedes ‚Nein’ seinen Sinn hat.“

Mitte April trat das Filmteam beladen mit rund hundert Kilogramm Gepäck den mühsamen Aufstieg mit Tourenskiern zur Darmstädter Hütte an, die als Basislager diente. Am Vortag der Dreharbeiten stiegen die Freerider bis zum Fuße der Nordwand auf, um vor Ort die Verhältnisse zu überprüfen. Was sie sahen, gefiel ihnen allerdings nicht. Eine Mischung aus Eis, Pulverschnee und hartem Schnee bedeckte die Wand. „Die Schneesituation hätte die Qualität der Abfahrt negativ beeinflusst und einen schönen Fahrstil verhindert“, erzählt Häusl. Die Jungs mussten den ersten Versuch noch vor dem Start beenden. „Das ist natürlich extrem frustrierend“, sagt Häusl. „Über die Jahre habe ich jedoch gelernt, dass jedes ‚Nein’ seinen Sinn hat.“

Perfekte Voraussetzungen

Zwei Wochen lang musste sich das fünfköpfige Team gedulden. Dann kündigten Wetterexperten Traumbedingungen an: Neuschnee, Minustemperaturen in der Nacht und Sonnenschein tagsüber. Der Projektumsetzung stand also nichts mehr im Weg. „Am Drehtag herrschten an der Nordflanke der Kuchenspitze perfekte Verhältnisse: keine Rissbildungen, keine Spannung in der Schneedecke“, erzählt Häusl.

Die größte Herausforderung war es, bei der gewaltigen Neuschneemenge möglichst schnell den Gipfel zu erreichen. Zuerst mit Tourenskiiern und dann mit Steigeisen und Pickel stiegen die beiden auf. „Björn und ich waren extrem angespannt, verstanden uns aber wie immer ohne Worte und funktionierten einfach.“ Nach drei Stunden und fünfundvierzig Minuten erreichten die beiden den Gipfel. Über Funk stimmten sie sich mit dem Kameramann und Fotografen ab, ehe sie in den Hang hineinfuhren. „Meine Frau, die Skiführerin ist, war am gegenüberliegenden Gipfel mit Gästen unterwegs. Sie weiß, dass ich unterwegs mit den Jungs immer Vollgas gebe. Sie hat aber vollstes Vertrauen in mich“, erzählt Häusl. 

Beste Bedingungen

Am Drehtag herrschten an der Kuchenspitze perfekte Verhältnisse: keine Rissbildungen, keine Spannung in der Schneedecke

Mut ist nicht alles

Dreißig Minuten dauerte die Abfahrt. Dann erreichten die Freerider wohlauf das sichere Gelände. „Der Tag war perfekt. Es lief wie am Schnürchen“, sagt Häusl. Der Erfolg ist mitunter den detaillierten Vorbereitungen zu verdanken. „Gute Bilder sind mir wichtig, doch ich würde niemals volles Risiko eingehen. Viel wichtiger ist es mir, wieder gesund nach Hause zu meiner Frau und meiner siebenjährigen Tochter zu kommen.“ Die hundertprozentige Sicherheit gibt es aber in dieser Sportart nicht. „Die größte Gefahr im Backcountry ist und bleibt die Lawine. Sie kann den Anfänger wie den Profi treffen. Nicht einmal im flachen Gelände ist man zu hundert Prozent sicher.“ 

Für jeden, der sich ins freie Gelände begibt – egal ob Profi- oder Hobbysportler – ist es wichtig, sich mit dieser permanenten Gefahr auseinanderzusetzen. Denn „Freeriden erfordert zwar Können und Mut, aber genauso wichtig sind Erfahrung und alpinistisches Wissen“, betont Häusl. „Ich versuche, das Restrisiko so klein wie möglich zu halten, analysiere die Bedingungen und höre letztendlich auf mein Bauchgefühl. Anders gesagt: Der Idealfall ist für mich, wenn die Torte angerichtet ist und ich sie nur noch anschneiden muss.“

In voller Länge: SPURTREU

Produktion, Regie, Kamera, Schnitt: Hanno Mackowitz
Story: Stefan Häusl, Björn Heregger, Hanno Mackowitz
Athleten: Stefan Häusl, Björn Heregger
Location: Österreich/Arlberg

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