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Topografie für Sieger

3. Osttiroler Trainingscamp 

Topografie für Sieger

Trainingsausfahrt und Strategieoptimierung von Bora-hansgrohe

Text: Klaus Erler, Bild: Stefan Voitl

Das deutsche World-Tour-Radteam Bora-hansgrohe machte mit seinem Trainingslager vor Kurzem bereits zum dritten Mal Station in Osttirol. Am Plan stand nicht nur ein intensives Höhentraining, sondern auch die Feinjustierung der Wettkampfstrategien für die kommenden Wettkämpfe.

Die Räder sind aus den beiden Bora-hansgrohe-Serviceautos ausgeladen, leger sitzen die Athleten auf den Sätteln. Den Rücken von der Frühlingssonne angestrahlt, sind sie bereit, von ihren Trainern die detaillierte Trainingsorder des Tages zu hören. „Today the break and recovery time between the training intervals should be not less than eight minutes … At the beginning of the first climb we will stop and I’ll give you the values, but you know when we come up to 1,500 meters it’s about looking at your heartrate at constant effort.” 

Die in durchaus akzeptablem Englisch vom luxemburgischen Trainer Dan Lorang instruierten Radrennfahrer wissen nach wenigen Minuten, was von ihnen gefordert wird. Das Training wird heute insgesamt fünf Stunden dauern und dabei auf Kraft-/Ausdauersteigerung und die Reduktion der Laktatbildungsrate abzielen. Dabei sollen über je zwölf Minuten Intervalle mit drei Minuten unter einer Minute über der aerob-anaeroben Schwelle gefahren werden. 

Die Trainingsroute wird dabei zunächst auf den Staller Sattel führen, dann mehrmals die Höhenstraße von Kals zum Fuße des Großglockners hinauf. Weitere Ziele sind der Iselsberg und der Lienzer Talboden. Insgesamt werden 150 bis 160 Kilometer abgespult. Mit dabei sind der Allrounder Jay McCarthy, der Klassiker Aleksejs Saramotins, der Sprinter Matteo Pelucchi, Bergfahrer Emanuel Buchman und der Allrounder Peter Kennaugh. Der Österreicher Gregor Mühlberger bleibt verletzungsbedingt im Hotel und trainiert auf der Rolle. 

Am Parkplatz vor dem Dolomitenstadion in Lienz erklärt Trainer Dan Lorang den Fahrern das Trainingsprogramm.

Exklusive Kooperation mit Osttirol

Bereits 2017 vereinbarten Osttirol und Bora-hansgrohe eine exklusive Tourismus- und Trainingskooperation. Sie beinhaltet jährlich zwei längere Höhentrainingslager. Auch das Teamcamp am Ende der Saison findet in Lienz statt. „Ziel des Trainings in Osttirol ist die Erhöhung der aeroben Ausdauer und der Kraftausdauer der Athleten“, erklärt Dan Lorang im Fahrzeug, mit dem er die Fahrer auf ihrem Weg zum Staller Sattel begleitet: „Die meisten Fahrer bereiten sich hier auf Rennen wie die Tour de Suisse oder die Tour de France vor und arbeiten deshalb an Kraftausdauer und Kletterfähigkeit. Das funktioniert dank der Osttiroler Topografie und wenig frequentierter Straßen auf bis zu 2.300 Metern Seehöhe perfekt.“ 

Fahrer Peter Kennaugh bei der Teambesprechung

Aleks Saramotins (Mitte) mit seinen Teamkollegen Emanuel Buchmann (vorne) und Matteo Pelucchi 

Vorteil Höhenlage

Ein weiterer Punkt, der für Osttirol als Trainingsdestination für Rennradprofis spricht, ist der Höhenaufenthalt des gesamten Teams im Sporthotel Hochlienz auf dem Zettersfeld: „Auf 1.800 Metern Seehöhe wird die Produktion der roten Blutkörperchen angeregt und in weiterer Folge der Sauerstofftransport im Blut optimiert. Werden Muskeln mit mehr Sauerstoff versorgt, sind sie leistungsfähiger – ein Effekt, den unsere Fahrer aus Osttirol in die kommenden Rennen mitnehmen können.“ Die Bereitstellung der Hotelinfrastruktur, das in der Zwischensaison eigentlich geschlossen hätte und nur für Bora-hansgrohe aufsperrt, ist Teil der Zusammenarbeit zwischen Osttirol und dem Radteam. 

Im Hotel finden Radprofis, sportlicher Leiter, Trainer, Athletiktrainer sowie Physiotherapeuten, Mechaniker und Ernährungsberater nicht nur Ruhe, sondern auch kulinarische Sporthilfe. Das Essen wird genauso gekocht, wie das Trainer und Ernährungsberater vorgeben. Auch in anderen Bereichen funktioniert die Zusammenarbeit mit Osttirol bestens. Wenn zum Beispiel ein Ruhe-EKG für einen Fahrer gebraucht wird, organisiert das der TVB Osttirol. 

Spezialistenrennen

Unterwegs zum Staller Sattel beginnt es zu regnen. Trainer Lorang muss rasch handeln. Er teilt Regenjacken aus, holt den Tross, der inzwischen weit auseinandergezogen ist, zusammen und dirigiert die Fahrer in eine sonnigere Region Osttirols um. Nun geht es auf der Mautstraße von Kals zum Fuße des Großglockners, wo wieder optimale Bedingungen herrschen. 

Auf dem Weg zum Großglockner findet Lorang Zeit, einen weiteren wichtigen Bestandteil des Osttiroltrainings zu erklären: die Festigung und Optimierung der Strategie für die zukünftigen Wettkämpfe: „Radsport ist Teamsport. Der Kapitän hat dabei die volle Unterstützung der Mannschaft. Sie besorgt für ihn Wasserflaschen, hält ihn aus dem Wind und beschützt ihn vor gegnerischen Angriffen in Positionskämpfen.“ 

Wer zum Kapitän wird, hängt davon ab, wer für das jeweilige Anforderungsprofil des Rennens das beste Leistungsniveau vorweisen kann. Für die flachen Frühjahrsklassiker bzw. Eintagesrennen wie Paris-Roubaix braucht der Kapitän eine gute Mischung aus dauerhafter Tempohärte, die er auf bis zu 300 Kilometern aufrechterhalten kann, und Sprintfähigkeit. Das Körpergewicht des Kapitäns spielt dabei keine so große Rolle. Wenn ein Klassiker Auf- und Abstiege verbindet – wie bei Lüttich-Bastogne-Lüttich – wird ein leichterer Kapitän benötigt, der Explosivität mitbringt. Es kommt also nicht zwingend der reine Bergfahrer zum Zug. Aus dem Team kommen für die Klassiker meistens Peter Sagan, Patrick Konrad oder Jay McCarthy zum Einsatz. 

Bei Bergrennen im Rahmen der großen Rundfahrten Tour de France, Giro d‘Italia und Vuelta a España muss ein Kapitän eine hohe Watt-per-Kilo-Leistung erbringen, also leicht und stark gleichzeitig sein. Auch eine große mentale Stärke ist wichtig, damit der Kapitän drei Wochen Rennen durchsteht. Schließlich braucht er noch die Fähigkeit, sich überdurchschnittlich schnell zu erholen. Dafür werden meistens Rafal Majka, Emanuel Buchman oder Davide Formolo eingesetzt. Bei Sprintrennetappen wie Mailand-San Remo kommt es schließlich auf kurzfristig hohe Leistungsfähigkeit an. Aus dem Bora-hansgrohe-Team kommen hier Sam Bennett, Pascal Ackermann, Peter Sagan oder Matteo Pelluchi in Frage. 

Gemeinsam zum Sieg

Essenziell für den Erfolg eines Kapitäns sind die Helfer. Der Wasserträger holt dem Kapitän während des Fahrens die Verpflegung aus dem Betreuerauto. Der Tempomacher spannt sich vor das Feld und diktiert die Geschwindigkeit, wenn ein Rückstand aufzuholen ist. Es gibt auch den Positionierer, der dem Kapitän hilft, vor einer Schlüsselstelle wie einer Bergauffahrt ganz vorne und damit konkurrenzfähig zu sein. Der Lead-Out-Helfer wiederum bringt den Sprinter bis kurz vor die Ziellinie, um ihm dort zu ermöglichen, aus dem Windschatten auszuscheren und mit der gesamten aufgesparten Kraft zu attackieren. 

Dan Lorang, Trainier Bora-hansgrohe

„Jede Taktik wird vor dem Rennen festgelegt und anhand der Überlegungen: Was könnte wo passieren? Und: Was wäre unsere beste Antwort darauf?, überprüft."

Dan Lorang: „Wichtig ist es, als Team nicht berechenbar zu sein. Wenn die gegnerische Mannschaft zum Beispiel auf einen Lockvogel, der aus dem Feld ausbricht, hereinfällt und ihn für den Kapitän hält, dann vergeudet sie Kraft, die später nicht mehr zur Verfügung steht. Jede Taktik wird vor dem Rennen festgelegt und anhand der Überlegungen: Was könnte wo passieren? Und: Was wäre unsere beste Antwort darauf?, überprüft. Diese Strategien entwickeln wir auch in Osttirol anhand der spezifischen Stärken der Fahrer, die sich hier zeigen, weiter.“

An diesem Tag, der noch viele Trainingsstunden weitergehen wird, zeigt sich vor allem eines: 
Zukünftige Strategien werden mit Sicherheit auch um Bergfahrer Emanuel Buchman im Zentrum entwickelt. Bei der Fahrt zum Glockner zeigt sich der Deutsche topfit und konkurrenzlos schnell.

Bora-hansgrohe
Das Weltklasse-Team erhielt für die Saisonen 2017 und 2018 erstmals eine Lizenz als UCI WorldTeam. Der amtierende Weltmeister Peter Sagan steht an der Spitze von insgesamt 27 Fahrern. 2018 kann Bora-hansgrohe unter anderem bereits auf einen Etappensieg beim Giro d‘Italia durch Sam Bennett und einen Sieg bei Rund um Köln zurückblicken. Der Österreicher Patrick Konrad fuhr beim Giro so stark wie kein anderer Österreicher seit 15 Jahren.

Gregor Mühlberger im Gespräch

„Superschön, aber brutal“

Der Niederösterreicher Gregor Mühlberger, seit 2016 bei Bora-hansgrohe, über die Rolle des Teams im Radsport und die Strecken bei der UCI Rad-WM Innsbruck-Tirol 2018 im Herbst.

Ist der Radrennsport ein Teamsport oder eine Bühne für Einzelkämpfer? Gregor Mühlberger: Auf jeden Fall ein Teamsport. Ohne gutes Team wird der Kapitän keine Rennen gewinnen.

Wozu brauchst du als Bergprofi ein Team? Damit ich bis zur heißen Phase des Rennens, den Anstieg, nicht zu viel Energie verliere. Durch die Unterstützung meiner Helfer muss ich nicht zu den Betreuerautos pendeln, durch ihren Schutz kann ich mit möglichst großen körperlichen Reserven ausgestattet im besten Fall sogar in Poleposition die Bergauffahrt starten. Müde und in hinterer Position wäre ich chancenlos.

Gregor Mühlberger beim Interview im Sporthotel Hochlienz 

Verletzungsbedingt musste der Fahrer pausieren und Indoor trainieren.

Du bist seit 2016 im Bora-hansgrohe-Team und damit bei der Weltspitze. Wie gehst du mit dem Druck um? Ich habe einen sehr guten Rückhalt von meinen sportlichen Leitern, die denken, dass ich eine Zukunftshoffnung bin, und dementsprechend handeln. Ich werde langsam zu herausfordernden Situationen und Positionen geführt und spüre nicht den Druck, dem zum Beispiel ein Peter Sagan ausgesetzt ist. Wenn ich nicht auf das Podium fahre, ist auch nicht gleich die Hölle los. 

Wie beurteilst du die Streckenführung der heurigen Rad-WM in Tirol? Es ist eine superschöne Strecke, aber gleichzeitig auch brutal. Nach 240 bis 250 Kilometern in die Höll‘ in Innsbruck (das steilste Teilstück der UCI Straßenrad-WM 2018 in Innsbruck-Tirol und Schlüsselstelle des Straßenrennens Herren Elite, Anm.) hineinzufahren, das wird hart. Zudem flacht die Strecke nicht ab, sie wird immer steiler und steiler, härter und härter. Die Fahrer finden dabei kaum Zeit, sich zumindest für ein paar Sekunden zu regenerieren. Wer hier nach sechseinhalb Stunden Fahrt keine Kraft mehr hat, ist verloren. 

Vielen Dank für das Gespräch.

Der Niederösterreicher Gregor Mühlberger (24) fährt seit 2016 für Bora-hansgrohe. 2017 gewann er die Rund um Köln, zwei Wochen später wurde er österreichischer Staatsmeister im Straßenrennen. 

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