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Atem anhalten, schießen

Biathlon

Atem anhalten, schießen

Zwei ÖSV-Athletinnen erklären, worauf es im Biathlon ankommt und warum die Atmung beim Schießen wichtig ist.

Text: Eva Schwienbacher, Bild: Johannes Mair / Alpsolut

Beim Biathlon werden zwei völlig unterschiedliche Sportarten kombiniert: Schießen und Langlaufen. Nur wer beides beherrscht, kann vorne mitmischen. Wie das gelingt und was es dafür braucht, erklären die Biathletinnen Lisa Hauser und Katharina Innerhofer in Obertilliach. 

Katharina stellt sich auf eine Matte, ihre Beine sind seitlich zur Wand ausgerichtet. Sie nimmt ihr Biathlongewehr vom Rücken, dreht ihren Oberkörper über die linke Schulter nach vorne, lehnt sich leicht nach hinten und stützt den linken Ellbogen fest in die Hüfte. Die Innenseite ihres linken Oberarms liegt nun eng an ihrem Oberkörper. Ihre linke Hand stützt das Gewehr, während die rechte zum Magazin greift und die Waffe lädt. Katharina legt ihre rechte Wange am Gewehr auf. Durch das Ringkorn visiert die 26-Jährige ihr Ziel auf einer Papiertafel an, die sie zuvor an die Wand geklebt hat. Kein Geräusch ist in der Jägerstube des Hotels Unterwöger in Obertilliach zu hören bis auf die regelmäßige Atmung der jungen Athletin. Katharina drückt ab. Klick. Dann ist es still.  

Noch vor wenigen Stunden spielt sich fast dieselbe Szene am Schießstand des Biathlonzentrums in Obertilliach ab. Nur dass Katharina ihren Rennanzug trägt, Skier und Schnee unter ihren Füßen hat und nach jedem Abdruck ein lauter Knall ertönt, da sich Munition im Magazin befindet. Ihr Puls rast außerdem mindestens doppelt so schnell wie beim Trockentraining, da sie, wie im Wettkampf, laufend den Schießstand erreicht. Katharina Innerhofer nimmt an diesem Novembertag gemeinsam mit Mannschaftskollegen und dem Biathlonnachwuchs am offiziellen ÖSV-Training in Obertilliach teil. Auf dem Programm steht ein zweistündiges Belastungs- und Schießtraining mit Materialtest als Vorbereitung auf zwei ÖSV-interne Qualifikationsrennen, die an den darauffolgenden Tagen stattfinden. Dabei können sich Athleten ohne fixen Startplatz für den Weltcupauftakt im schwedischen Östersund Ende November qualifizieren.

Trainieren mit Wettkampfbedingungen

Am Schießstand herrscht ein reger Betrieb. Neben den Österreichern bereiten sich hier im Biathlonzentrum Obertilliach auch Nationalmannschaften aus Italien, Bulgarien und Rumänien auf die anstehende Wettkampfsaison vor. Die Bedingungen dafür sind ideal, was nicht zuletzt dem ergiebigen Schnee und dem großen Einsatz der Stadionarbeiter zu verdanken ist. „In den letzten Tagen wurde hier alles top vorbereitet, sodass nun Wettkampfbedingungen herrschen“, sagt Wolfgang Korosec, ÖSV-Nachwuchsreferent und Koordinator. 

Das Biathlonzentrum Obertilliach im Bezirk Lienz ist ein wichtiger Trainingsstützpunkt für die Biathleten des ÖSV. Die Höhenlage auf 1.400 Metern und der Verlauf der Strecke durch eine Senke sorgen für optimale Schneeverhältnisse bzw. tragen zur Langlebigkeit der Loipen bei. Auch im Sommer bietet ihnen die Gegend zahlreiche Trainingsmöglichkeiten. Außerdem schätzen die Spitzensportler die Ruhe, die sie in der Osttiroler Gemeinde, die zwischen den Lienzer Dolomiten und den Karnischen Alpen liegt, finden. „Regeneration gehört genauso zum Training, wie Lauf- und Schießeinheiten. Denn ob Sieg oder Niederlage, wird im Biathlon auch im Kopf entschieden“, weiß Korosec.

Ins Schwarze getroffen!

Speziell das Schießen unter Belastung – sowohl im Liegen als auch im Stehen – erfordert höchste Konzentration, weshalb man im Training besonderes Augenmerk darauf legt. Heute haben die ÖSV-Biathletinnen zwölf Zuläufe mit anschließendem Schießen, sprich einen Mix aus Laufen und Schießen, zu absolvieren. In diesem Moment erreicht die Tirolerin Lisa Hauser den Schießstand. Es ist ihre vorletzte Runde. Ihr ganzer Körper ist vom anstrengenden Lauf in Bewegung. Sie drosselt ihr Tempo und fokussiert die Windfahnen entlang der Schussbahnen, die leicht in Bewegung sind und auf Seitenwind hinweisen. Wind kann beim Schießen schnell zur zusätzlichen Herausforderung werden. Denn das gerade mal zwei Gramm schwere Projektil ist leicht aus der Flugbahn zu bringen. Die Gefahr ist, dass der Schuss außerhalb der Trefferfläche landet. Lisa stellt sich auf die Gummimatte, legt die Stöcke zwischen ihre Füße, greift nach ihrer Waffe. Sie fokussiert die schwarzen Scheiben in 50 Metern Entfernung, dreht an ihrem Diopter, um die Waffe an die aktuelle Windsituation anzupassen, und drückt ab. In wenigen Sekunden sind alle fünf Scheiben weiß. 

"Ich bin eine, die mit großer Geschwindigkeit zum Schießstand läuft und unter hoher Belastung schießt." Lisa Hauser

Der Zulauf zum Schießstand ist die Vorbereitungsphase für das Schießen. Mit einem Puls von 160 bis 180 gelangen die Athleten zur Schussbahn. Die Kunst ist es, den Körper schnellstmöglich unter Kontrolle zu bringen. Nur dann hat man eine Chance auf einen Podestplatz. Dabei hat jeder seine eigene Technik. „Ich bin eine, die mit großer Geschwindigkeit zum Schießstand läuft und unter hoher Belastung schießt, sprich mit einem Puls von 175 oder 180. Denn wenn der Puls zu sehr sinkt, spürt man den einzelnen Herzschlag viel besser“, erklärt Lisa Hauser. Schließlich bringt sie ihre Atmung und das Abdrücken in Einklang. Den Rhythmus beschreibt sie so: „Einatmen, zur Hälfte ausatmen, schießen, weiter ausatmen. Dann wieder von vorne: zur Hälfte ausatmen und Schuss. Während des Schießens halte ich den Atem an.“ Mittlerweile hat die Weltcupathletin die Technik verinnerlicht und verlässt immer wieder fehlerfrei den Schießstand. 

Die Tirolerin Lisa Hauser am Schießstand

Echte Waffen

Wie in den meisten Wintersportarten spielt auch im Biathlon neben der richtigen Technik das Material eine Schlüsselrolle und ist eine Wissenschaft für sich. Nicht umsonst kümmert sich ein großes Serviceteam im ÖSV um die Gewehre, Skier, Wachsarten und Co. Bei den Waffen handelt es sich um Kleinkalibergewehre, die zum Teil genormt sind und mindestens 3,5 Kilogramm wiegen müssen. Jeder Gewehrschaft ist eine Maßanfertigung, weshalb auch am Schießstand in Obertilliach unterschiedliche Ausführungen zu sehen sind. 

„Die Gewehre sind für uns Athleten ein Heiligtum“, sagt Lisa Hauser. Sie sind genau auf den Körper des Athleten abgestimmt. Damit bestreiten sie ihre Trainingseinheiten und Wettkämpfe. Der richtige Umgang damit ist jedoch nicht nur bei der Jagd um Medaillen essenziell, sondern auch um Unfälle zu vermeiden. Denn ein Biathlongewehr ist kein Spielzeug. Es wird mit scharfer Munition geschossen. Weshalb auch ein Waffenschein erforderlich ist und es internationale Sicherheitsvorschriften gibt.

Auch bei der Wahl der Munition wird nichts dem Zufall überlassen. Jedes Gewehr benötigt sein spezielles Geschoss. Und davon gibt es unterschiedliche Ausführungen verschiedener Hersteller. Außerdem reagieren Gewehr und Munition empfindlich auf Kälte. Um also die richtigen Patronen für Temperaturen weit unter null zu ermitteln, werden Tests in sogenannten Kältekammern, durchgeführt. Mit dem Um- und Ausbau des Biathlonstadions in Hochfilzen im vergangenen Jahr verfügt das österreichische Team nun über eine eigene Kältekammer in Tirol. Dort wurden in den Sommermonaten zahlreiche Versuche gemacht, um die richtige Munition zu ermitteln, die auch bei Minusgraden funktioniert. „Während einer Weltcupsaison werden von einem Biathleten im Training und Wettkampf zirka 15.000 bis 18.000 Schuss verschossen“, sagt Wolfgang Korosec.

Ski im Test

In der Zwischenzeit hat Katharina Innerhofer ihr Belastungstraining beendet. Nun ist der Skitest mit Zeitmessung an der Reihe, der auf einer kleinen Anhöhe der Loipe in Obertilliach durchgeführt wird. Dafür hat Katharina ein Messgerät an ihrem rechten Unterschenkel befestigt, das Daten über ihre Geschwindigkeit erfasst. Sie begibt sich in die Skifahrerhocke und gleitet nach vorne. Sobald sie an dem Messgerät, das im Schnee fixiert ist, vorbeirutscht, wird die Zeitmessung ausgelöst. In der Abfahrtsposition und ohne anzuschieben, gleitet sie nach unten. Im Flachen hält sie schließlich an. Anschließend dreht Katharina noch eine kleine Runde im Flachen, um dann zum Ausgangspunkt zurückzukehren und ihre Skier zu wechseln.

Etliche Male fährt Katharina Innerhofer so den Hügel hinunter. Jedes Paar Ski wird zweimal getestet. Nach jeder Runde macht sich Katharina Notizen. „Ich vergleiche meinen besten Rennski der letzten Saison mit dem neuen Material. Ziel ist es herauszufinden, welcher Ski am schnellsten ist und sich am besten anfühlt. Damit fahre ich dann auch das Rennen“, erklärt die Salzburgerin, die vor sechs Jahren ihr Weltcupdebüt feierte. Denn Ski ist nicht gleich Ski. Jeder Athlet im Spitzenbereich verfügt über 15 bis 20 Paar – etwa für kalte und warme Temperaturen, weichen Schnee oder eisigen, Sonne oder Schatten. 

Speziell das Wachsen der schmalen Bretter erfordert viel Know-how und Erfahrung. So sind auch in den Wachskabinen des ÖSV im Biathlonstadion Obertilliach ausschließlich Spezialisten am Werk, die selbst im Profibereich aktiv waren. Sie sind es auch, die nach den Testfahrten die Daten von Katharina Innerhofer und den anderen entgegennehmen und auswerten. Von außen unscheinbar ist die Wachskabine im Inneren eine wahre Schatzkammer. Hier werden nicht nur zahlreiche Skimodelle und Wachsarten gelagert, sondern auch das Wissen rund um die Kunst des Wachsens wie ein Geheimnis gehütet. „Jede Nation hat ihre eigenen Techniken. Hier lässt man sich nicht gerne in die Karten schauen“, sagt Korosec und schmunzelt. 

Nach dem ausdauernden Training im Freien ist es für die Biathleten an der Zeit, ihre geleerten Speicher zu füllen. Im Hotel Unterwöger warten schon eine warme Suppe sowie kohlenhydratreiche Gerichte auf sie. Am Nachmittag nach der Pause, in der sich die meisten schlafen legen, geht es dann weiter: mit Trockenschießen ohne Munition und Atemtraining und schließlich einem lockeren Auslauf im winterlichen Biathlonzentrum Obertilliach.

Biathlon- und Langlaufstadion Obertilliach Das Biathlon- und Langlaufzentrum in Obertilliach hat als Trainings- und Wettkampfstätte Tradition. Das Potenzial des Standorts erkannte man erstmals im Jahr 1989, als Obertilliach aufgrund der Schneelage kurzfristig als Austragungsort für den Weltcup einsprang. 2003 wurde mit Umbaumaßnahmen der Sportstätte begonnen, die in enger Abstimmung mit dem ÖSV sowie der norwegischen Biathlonlegende Ole Einar Bjørndalen, der in Obertilliach lebt, durchgeführt wurden. Seit 2004 trainieren hier regelmäßig namhafte Spitzensportler, auch viele Langlaufrennen sowie der Lienzer Dolomitenlauf finden hier statt. 2013 war Obertilliach Austragungsort für die IBU Jugend- und Junioren-Weltmeisterschaft. Heuer im Dezember gehen hier der IBU Junior Cup sowie der IBU Cup über die Bühne. 

Lisa Hauser: Die 24-jährige Kitzbühelerin hat bereits einen fixen Startplatz im Weltcup. Ihr Weltcupdebüt feierte sie im Winter 2012/2013 in Hochfilzen. Bei den Juniorenweltmeisterschaften in Obertilliach 2013 gewann sie im Einzelwettkampf Silber und im Sprint Bronze. 2014 nahm sie an den Olympischen Spielen in Sotschi teil. „Ich glaube, mit den Rennen kommt die letzte Spritzigkeit“, sagt Lisa Hauser zu ihrer Form vor dem Weltcupsaison. Was sie am Biathlonsport reizt, ist die Kombination zweier unterschiedlicher Sportarten, die man beide beherrschen muss, wenn man gewinnen will. 

Katharina Innerhofer: Die gebürtige Salzburgerin, Jahrgang 1991, begann erst relativ spät mit dem Biathlontraining, war aber sofort Feuer und Flamme für die Sportart. „Das Faszinierende am Biathlon ist, dass bis zum Schluss alles möglich ist. Beim Schießen entscheiden Millimeter, ob du vorne bist oder nicht.“ Ihr gelang es etwa im Jahr 2014, sich ganz nach vorne zu kämpfen, als sie in Pokljuka (Slowenien) den ersten Weltcupsieg holte. Auch Innerhofer war 2014 in Sotschi am Start. Ihr nächstes Ziel: die Olympia-Teilnahme in Pyeongchang.

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