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Wo sie die Helden sind

Tirol Cycling Team

Wo sie die Helden sind

Ein Blick Hinter die Kulissen des Tirol Cycling Teams bei der Tour of the Alps

Text: Eva Schwienbacher, Bild: Manfred Jarisch

Ein Acht-Mann-Kader des Tirol Cycling Teams hat sich bei der Tour of the Alps mit den Stars des Radsports gemessen. Sport.Tirol hat die Fahrer bei den Etappen durch Tirol ein Stückchen begleitet. 

Der Mannschaftskapitän Matthias Krizek überreicht sein Rennrad dem Teammechaniker. Er lässt sich auf einen der acht Campingstühle fallen, nimmt einen Schluck aus einer gelben Trinkflasche und lächelt. Am Boden sitzt Lucas Schwarz an ein Auto gelehnt, den Kopf auf die Beine gestützt, das Gesicht ist schmerzverzerrt. Es ist sein erstes Etappenrennen im Profibereich. „Das Tempo war gewaltig“, sagt er später im Hotel.

Soeben sind die beiden mit ihren sechs Teamkollegen und 131 Kontrahenten im Ziel auf der Hungerburg in Innsbruck angekommen. Es ist die erste Auflage der Tour of the Alps und die erste Etappe dieser fünftägigen Radrundfahrt, die den Giro del Trentino ersetzt. Die Strecke am Tag 1 von Kufstein nach Innsbruck gilt mit 142 Kilometern und 2.075 Höhenmetern als die leichteste. Dann wird es von Tag zu Tag härter. Den Takt haben in diesem Rennen die UCI World Teams, wie Astana, Sky oder Gazprom-RusVelo, bestimmt. 

Die Tour-Bestreiter 

Trotzdem sind hier in Tirol die acht die Helden, hier genießt der Tiroler Rennstall die volle Aufmerksamkeit: Freunde und Familie sind gekommen, um sie entlang der Strecke anzufeuern, sie im Ziel jubelnd zu empfangen, sie in die Arme zu nehmen. Kameras und Mikros sind auf die Athleten des Tiroler Teams gerichtet – auch wenn keiner von ihnen an diesem Ostermontag gewonnen hat.

Der achtköpfige Kader, der die Tour für das Tirol Cycling Team bestreitet, ist ein Mix aus Routiniers mit internationaler Erfahrung und Neulingen, die bei der Tour ihr Debüt feiern. Betreut und begleitet werden sie von den beiden neuen sportlichen Leitern Roberto Damiani und Leonardo Canciani, dem Teammanager und -gründer Thomas Pupp, den Mechanikern Romeo und Fabian sowie den Physiotherapeuten Elena und Ziga. 

Medienrummel: Sebastian Schönberger (r. o.) und Matthias Krizek im Ziel in Innsbruck

Die Nachbereitung beginnt

Zum Touralltag gehört es, in Hotels zu schlafen. Für die erste Nacht ist das Team in Götzens untergebracht. Dorthin geht es, sobald die Rennräder eingeladen sind, die Athleten ihre Kleidung gewechselt haben und Bananen, Riegel und Säfte ihren Zuckerlevel etwas nach oben gebracht haben. 

Vor dem Hotelparkplatz in Götzens stehen drei Reisebusse und ein LKW – sie gehören zu den großen Teams, die ebenfalls hier logieren. Dazwischen die Kleinbusse und PKWs des Tirol Cycling Teams. Hier werden die Koffer der Athleten verladen, die Räder geputzt und repariert, Ersatzteile hektisch ein- und ausgeladen. Und während für die Mechaniker Fabian und Romeo die Arbeit nun erst richtig beginnt, heißt es für die Fahrer: ausruhen und Kraft tanken.

Regenerieren und resümieren

Nach dem Check-in bekommt jeder, der will, vor dem Abendessen einen Teller Reis oder einen Kuchen aus Reis- und Mandelmehl, um die leeren Kohlenhydratspeicher aufzufüllen. Für alle ist eine 30- bis 40-minütige Massage eingeplant, die die Regeneration der Athleten beschleunigen soll. 

Mattias Krizek liegt bereits auf einem der Massagetische. Der Wiener, der einige Jahre für ein italienisches Team gefahren ist, plaudert in fließendem Italienisch mit der Physiotherapeutin Elena, während diese seine Oberschenkel durchknetet. „Es geht darum, dass die Muskulatur gelockert wird“, erklärt Krizek. „Bei Kälte, so wie wir sie heute hatten, spürt man die Belastung noch mehr.“ Gleichzeitig soll die Massage entspannen. Smartphones und andere Ablenkungen sind für diesen Zeitraum daher aus dem Zimmer zu verbannen.

Der 28-Jährige, der zu den Erfahrenen im Team zählt, ist zufrieden mit seiner heutigen Leistung. Wie seinem Teamkollegen Patrick Gamper am Anfang des Etappenrennens ist es ihm kurz vor Innsbruck gelungen, sich in einer Fluchtgruppe zu positionieren. Er schaffte es, sich mit zwei Gegnern von der Hauptgruppe zu lösen und mit hoher Geschwindigkeit einen Vorsprung herauszufahren – bis er von einem technischen Problem gebremst wurde. „Für mich persönlich ist es gut gelaufen. Ich hatte gute Beine. Die meisten Teams, die mitfahren, bereiten sich auf den Giro d’Italia vor oder kommen gerade vom Höhentraining. Es ist sicher nicht leicht für uns. Wir haben uns aber als Mannschaft gut präsentiert“, erzählt Krizek. 

Die Rundfahrt als Schule

Generell ist es für das Tirol Cycling Team wichtig, in seiner Heimatregion einen starken Auftritt hinzulegen: einerseits um zu zeigen, wozu die jungen Fahrer fähig sind, andererseits um Stimmung für den Radsport zu machen, zumal mit der UCI-Straßenrad-WM 2018 ein Riesenradevent in Tirol vor der Tür steht.

Dass diese Aufgabe Fluch und Segen zugleich sein kann, zeigt das Resümee des ersten Renntags durch Maximilian Kuen, drei Stunden nach der Ankunft in Innsbruck im Hotel in Götzens. „Vor Freunden und Familie zu fahren, ist immer etwas Besonderes“, sagt der 24-jährige Kufsteiner, der als wichtiger Teamfahrer an der Tour teilnimmt. „Es sind so viele von meinen Leuten nach Kufstein gekommen, sodass ich auf dem Weg zum Start immer wieder anhalten musste, weil mich jemand kannte. Das war der Wahnsinn.“ 

„Durch schwere Rennen wird man besser. Das Grundtempo ist schneller, die Fahrer sind stärker, so wirst auch du besser.“ Maximilian Kuen.

Allerdings verspüre er daheim auch verstärkt den Druck. Man will zeigen, was man draufhat. Doch als Sprinter oder Allrounder wie er komme man sich ob der vielen Bergetappen dieser Tour vor wie ein Tourist. „Ich fühle mich schlecht, wenn ich keine Chance habe“, sagt Kuen. Gleichzeitig erkennt und schätzt er die Entwicklungsmöglichkeiten, die ihm die Rundfahrt bietet – nämlich als Spitzensportler an dieser Mammutaufgabe zu wachsen. „Durch schwere Rennen wird man besser. Das Grundtempo ist schneller, die Fahrer sind stärker, so wirst auch du besser“, sagt Kuen.

Ähnlich sieht es der sportliche Leiter Leonardo Canciani, der das Team während des Rennens im Betreuerauto begleitet hat: „Es ist zwar schade, dass niemand das Berg- oder Sprinttrikot geholt hat, aber dass zwei junge Fahrer zwei Fluchtgruppen angeführt haben, ist wie ein Sieg für uns. Das Niveau der Tour ist sehr hoch. Für uns ist es nicht leicht. Aber das Potenzial der Fahrer ist deutlich zu erkennen.“ 

„Brutales Rennen“

Nach und nach kommen die letzten Fahrer von der Massage in die Hotellobby. Auch der Bergspezialist Lucas Schwarz hat inzwischen wieder ein Lachen im Gesicht. Der Jenbacher setzt sich auf einen Barhocker und erzählt von seinem Debüt als Rennfahrer. Der 24-jährige begann erst vor drei Jahren mit dem Radsport. Seither gewann er zahlreiche Amateurrennen. Aufgrund dieser Erfolge und eines hervorragenden Leistungstests hat ihn das Tirol Cycling Team engagiert. 

Eine Rundfahrt einer so hohen Kategorie habe jedoch nichts mit den Bewerben zu tun, an denen er bisher teilgenommen hat, sagt er. „Es war einfach ein brutales Rennen. Die Russen haben von Anfang an ordentlich Tempo gemacht. Ich musste bereits bei den ersten Kilometern viel investieren, um den Anschluss an die Gruppe zu schaffen“, erzählt Schwarz. 

Neben der Geschwindigkeit waren das Gedränge im Feld sowie der schnelle Wechsel zwischen Bremsen und Beschleunigen neu für ihn. „Ich muss mich erst an den Körperkontakt mit den anderen Fahrern gewöhnen. Für mich heißt es üben, üben, üben.“ Doch nicht nur im Radsport hat Schwarz Karrierepläne. Er studiert Rechtswissenschaften in Innsbruck und in der Woche nach der Tour will er zu einer Strafrechtprüfung antreten. In seinem Koffer befinden sich daher neben Kleidung und Co. auch Unterlagen, sodass er nach dem Essen den gelernten Stoff noch einmal wiederholen kann. 

Tief über Tirol

Mit seinem Abendprogramm bildet Schwarz jedoch eher eine Ausnahme. Generell steht bei den Fahrern die Erholung im Vordergrund. Das bedeutet: relaxen, essen, mit den Kollegen plaudern oder einen Film schauen. Was das Team an diesem Abend zusätzlich beschäftigt, ist der Wetterbericht. Für den nächsten Tag, an dem die zweite Etappe von Innsbruck über die Europabrücke und den Brenner nach Süd- und Osttirol führt, sind Temperaturen unter null und Schneefall in Nordtirol prognostiziert. Das Gerücht, dass die geplante Strecke verkürzt werden soll, macht die Runde. Nun bleibt es abzuwarten, wie sich die Tour-Organisatoren entscheiden. Es wird 23 Uhr, bis die letzten Fahrer ins Bett kommen. 

Tag 2: In den Morgenstunden

Am nächsten Morgen schneit es in der Tiroler Landeshauptstadt leicht. In Götzens, das etwas höher liegt, fallen dicke Flocken vom Himmel. Die Fahrer sitzen am Frühstückstisch und bereiten sich für das Rennen vor. Konkret heißt das, so viel zu essen, wie es nur geht. Zur Auswahl steht selbst Mitgebrachtes wie Müsli, Kokos- oder Reismilch, Chiasamen, Vollkornbrot, Quark, Bananen, Nutella, Honig oder Warmes vom Frühstücksbuffet wie Reis, Rührei oder Pasta. Dazu gibt es Kaffee, den die Italienerin Elena im Teambus frisch zubereitet und in Pappbechern serviert. Noch ist es ungewiss, wie der Streckenverlauf tatsächlich aussehen wird.

Um für die winterlichen Verhältnisse jedenfalls gewappnet zu sein, bereitet Elena vorsichtshalber Thermoskannen mit Tee zu. „Es gibt entlang der Strecke Zwischenstopps, wo sich die Fahrer aufwärmen können“, erklärt sie. Eine weitere Maßnahme, die die Athleten selbst treffen können, um bei Niederschlag nicht auszukühlen, ist, die Waden mit einer speziellen Wärmecreme einzuschmieren. „Das ist besser, als lange Hosen zu tragen, die ohnehin nur nass werden würden“, weiß Elena.   

Teammeeting

Pünktlich um 8.50 Uhr beginnt das Teammeeting im Hotelzimmer zweier Fahrer. Der kleine Raum ist mit den acht Athleten und drei Teambetreuern bis in die letzte Ecke gefüllt. Um die angespannte Atmosphäre aufgrund der vielen offenen Punkte, die den heutigen Renntag betreffen, zu lockern, wird gelacht und herumgealbert. „Wir sollten KTM anrufen. Wir brauchen Ski“, scherzt der sportliche Leiter Roberto Damiani. „Was soll ich tun, wenn wir eine verkürzte Strecke fahren? Ich habe für 180 Kilometer gefrühstückt“, fragt Krizek und lacht.

Dann wird die Zeit genutzt, um die Strecke zu studieren und die Renntaktik festzulegen sowie Lob für den Vortag auszusprechen. „Unsere Priorität galt den ersten 30 Kilometern und hier ist es uns gelungen, vorne dabei zu sein. Dafür verdient ihr euch 100 Punkte“, sagt Teammanager Thomas Pupp. Diese Taktik – also gleich am Anfang des Rennens einen Fahrer in einer Fluchtgruppe zu positionieren – soll auch am zweiten Tag verfolgt werden. Dann macht sich das Team auf den Weg nach Innsbruck, wo um 9.30 Uhr eine Entscheidung verkündet werden soll. Kurz davor schneit es noch immer.

Verkürzte Strecke

Im Zentrum von Innsbruck, gleich neben dem Landhausplatz, reihen sich die Mannschaftsbusse und -PKWs hintereinander. Es herrscht ein reges Treiben. Um halb zehn wird es dann offiziell: Der Start der zweiten Etappe in Innsbruck wird abgesagt und nach Sterzing auf zwölf Uhr verlegt. Es wäre zu gefährlich, die Sportler über den verschneiten Brenner fahren zu lassen, lautet die Begründung. Im Tirol Cycling Team begrüßt man die Entscheidung: „Zu oft ist etwas schief gelaufen, wenn man den Helden spielen wollte. Die Gesundheit der Athleten geht vor“, sagt der sportliche Leiter Roberto Damiani. Dann geht es im Auto Richtung Süden.

Planänderung

Wetterbedingt geht es mit dem Auto über den Brenner zum Start der zweiten Etappe.

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