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Werkstätte für Weltmeister

50 Jahre Schigymnasium Stams

Werkstätte für Weltmeister

Zu Besuch mit Mario Stecher in der Tiroler Sportschule

„Stams ist eine Lebensschule.“

Text: Eva Schwienbacher, Bilder: Mario Webhofer/W9 STUDIOS 

Seit 50 Jahren bildet das Schigymnasium Stams Weltmeister und Olympiasieger aus. Zu den Stamser Helden zählt der ehemalige Nordische Kombinierer Mario Stecher. Der Wahltiroler kehrte für Sport.Tirol in die Schule zurück, in der für ihn alles begann.

Betritt man das Schigymnasium Stams über den Haupteingang, kommt man nicht daran vorbei, einen Blick auf die „Wall of Fame“ zu werfen. Zahlreiche Größen aus Österreichs Wintersport wie Karl Schnabl, Anton Innauer, Ernst Vettori, Stefan Eberharter, Benjamin Raich, Mario Matt, Niki Hosp, Anita Wachter, Gregor Schlierenzauer oder Stefan Kraft sind auf der Siegertafel zu finden. Fünfmal liest man auch Mario Stechers Namen. Der 39-jährige Olympiasieger und Weltmeister in der Nordischen Kombination zählt zu den erfolgreichsten Absolventen, die das Schigymnasium Stams in den letzten Jahren hervorgebracht hat. 

Der Wahltiroler ...

...  Mario Stecher aus der Steiermark war von 1991 bis 2015 im ÖSV-Team. Zu seinen größten sportlichen Erfolgen zählen: zwei olympische Goldmedaillen (jeweils im Team in Turin 2006 und Vancouver 2010), zwei olympische Bronzemedaillen (jeweils im Team in Salt Lake City 2002 und Sotschi 2014), zwei WM-Titel (jeweils im Team in Oslo 2011), drei WM-Silbermedaillen (Ramsau 1999, Lahti 2001 und Val die Fiemme 2013) und eine WM-Bronzemedaille (Trondheim 1997). Er lebt mit seiner Frau Carina Raich und seinen beiden Söhnen im Pitztal in Tirol. 

Mario Stecher im Schigymnasium

Doppelte Belastung

Getrieben vom Traum, Spitzensportler zu werden, ist Mario Stecher mit 13 Jahren wie unzählige junge Athleten vor und nach ihm erstmals durch diese Tür gegangen. „Stams bot mir damals die einmalige Gelegenheit, Schule und Sport zu vereinen“, begründet der Wahltiroler die Entscheidung, seinen Heimatort Eisenerz zu verlassen. Die erste Hürde, die es für Aspiranten damals wie heute auf dem Weg nach Stams zu bewältigen gilt, ist die Aufnahmeprüfung. Mario Stecher hatte sich seinerzeit sowohl für den Sprunglauf als auch für die Nordische Kombination beworben. Es war ein brütend heißer Tag und seine Leistung beim Sprungtest nicht unbedingt die beste, erinnert sich Stecher an den Prüfungstag zurück. Das lag daran, dass er im Skispringen auf den damals neu eingeführten V-Stil umstieg und darin noch relativ wenig Übung hatte. Einige Wochen später hielt er jedoch die Nachricht in der Hand: Als Kombinierer hat er es geschafft.  

Nicht immer war Stecher in der Schule zum Lachen zumute.

Mit dem Umzug nach Stams, einem 1.400-Seelen-Dorf im Oberinntal, änderte sich plötzlich alles. Sein Leben sollte sich nun in der Internatsschule abspielen, einem dampfschiffartigen Gebäude aus Betongängen, runden Fenstern, verwinkelten Gängen, Lüftungsröhren, podestartigen Sitzgelegenheiten, Vier-Bett-Zimmern, Klassenräumen und Turnhallen in einem kleinen Ort, dessen Attraktionen für junge Menschen sich auf Sport beschränkten. Er sah seine Familie nur mehr alle paar Monate, der Kontakt zu früheren Freunden flachte ab. 

Das Schigymnasium Stams liegt direkt neben dem Stift Stams. Es bildet Athleten in den Sportarten Ski Alpin, Nordische Kombination, Biathlon/Langlauf, Sprunglauf und Snowboard aus.

Der Tagesablauf folgte einem strengen Plan: 6.45 Uhr Frühstück, 7.25 Uhr Studium, 7.50 Uhr Schule, 12.30 Uhr Mittagessen. Und ehe der Teller leer war, tönte es aus dem Lautsprecher: „Abfahrt in fünf Minuten zum Training auf der Schanze!“ Trainiert wurde meistens auf der Loipe und der Sprungschanze des Nordischen Kompetenzzentrums in Seefeld. Von 20 bis um 22 Uhr war erneut Studienzeit. „Der Umfang unseres Trainings war wegen doppelter Belastung in der Nordischen Kombination enorm: zweimal in der Woche Krafttraining, jeden Tag Ausdauer und dreimal in der Woche Springen. Das Pensum brauchten wir aber und wir profitierten natürlich sehr lange davon“, erzählt Stecher.

Die Kombinierer trainieren wie Mario Stecher seinerzeit im Nordischen Kompetenzzentrum in Seefeld.

Sport und Schule vereinbaren

Was die Studienzeiten betraf, herrschte zu Stechers Zeiten noch ein strenges Regime. Das hat sich inzwischen etwas geändert, erzählt der Direktor der Sportschule Arno Staudacher: „Man überlässt den Schülern mittlerweile mehr Verantwortung.“ Doch nach wie vor sind die Anforderungen an die jungen Athleten hoch. „Was die Stamser Schüler leisten, würde manch Erwachsener gar nicht schaffen“, sagt Staudacher, der bereits seit 30 Jahren am Schigymnasium tätig ist. 

Als er im Jahr 2005 die Direktion übernahm, legte er besonderen Wert auf den Ausbau der Infrastruktur. Außerdem machte er es sich zur Aufgabe, die praktische und theoretische Ausbildung noch besser in Einklang zu bringen. „So gelang es, die zahlreichen Reformen in der Handelsschule und im Gymnasium, Stichwort Zentralmatura, mit dem Stamser System zu vereinbaren. Ich sehe die Verzahnung von Schule, Internat und Sport als wesentlichen Erfolgsfaktor von Stams“, sagt Staudacher. Die Internatsschule, die sich aus Gymnasium und Handelsschule zusammensetzt, ist nach dem Leistungsstufenprinzip aufgebaut. Vereinfacht gesagt erhalten schwächere Schüler die Möglichkeit, einzelne Fächer nachzuholen, ohne die komplette Schulstufe wiederholen zu müssen, begabte Schüler hingegen können auch eine Schulstufe überspringen.

Arno Staudacher ist seit 2005 Direktor des Schigymnasiums Stams, davor war er dort 18 Jahre lang Spartenleiter Ski Alpin und 14 Jahre lang Nachwuchsreferent im ÖSV. Zudem war er national und international als Trainer aktiv u. a. als Trainer des C-Kader Herren im ÖSV. 

Baustelle Schule

Auch für Mario Stecher war es „beinhart“ wie er sagt, gute Leistung in beiden Bereichen zu erbringen. „Die Schule war meine Baustelle“, erinnert er sich zurück. Er setzte sich das Ziel, die schulische Ausbildung in der Regelzeit abzuschließen und verfolgte diese Ambition mit demselben Biss, wie Profisportler zu werden. Während andere bereits schliefen, musste er lernen. „Am Ende habe ich es aber geschafft“, freut sich der Kombinationsprofi. 

„Es ist wichtig, den jungen Menschen das notwendige Werkzeug mitzugeben, damit sie im Leben reüssieren können. Wenn es mit dem Traum von der internationalen Karriere nicht klappt, müssen sie vorbereitet sein.“ Arno Staudacher

„Es ist wichtig, den jungen Menschen das notwendige Werkzeug mitzugeben, damit sie im Leben reüssieren können“, sagt Arno Staudacher. „Wenn es mit dem Traum von der internationalen Karriere nicht klappt, müssen sie vorbereitet sein.“ Denn von all den Jugendlichen, die ihr Glück in Stams versuchen, schafft es bloß ein Bruchteil, tatsächlich vom Sport zu leben. Belastungsfähigkeit, Ausdauer und Disziplin sind allerdings auch in anderen Branchen gefragte Eigenschaften, weshalb unter den Stamser Absolventen zahlreiche erfolgreiche Trainer, Betreuer, Funktionäre, Piloten, Ärzte oder Führungskräfte sind.

Erfolgsfaktor Konkurrenz

Mario Stecher musste sich keine Alternativen zum Spitzensport suchen. Bereits mit 16 Jahren holte er sich seinen ersten Weltcupsieg in Oslo mit einem Schanzenrekord am Holmenkollen, drei Jahre später mit der Mannschaft WM-Bronze in Trondheim. „Wir waren ein extrem erfolgreicher Jahrgang und pushten uns gegenseitig“, erzählt er. „Nur wenn man sich mit ebenbürtigen Gegnern messen kann, holt man das Maximum aus sich raus.“ 

Stamser Nachwuchssportler beim Training in Seefeld

Auch wenn in Stams die Bedürfnisse des Einzelnen zählen, liegt primär das Team im Fokus. „Wir sehen es als unsere Pflicht, soziale Kompetenzen der Athleten zu fördern. Schließlich wird in unserer Gesellschaft der Individualismus zur Genüge vorangetrieben und letztlich sollen die jungen Athleten Stams als Menschen verlassen“, sagt Direktor Staudacher. 

Stams diente Mario Stecher als Sprungbrett und nach der Matura ging es für den Nordischen Kombinierer steil bergauf. „Während meiner Ausbildung lernte ich, Erfolge einzuordnen und Rückschläge einzustecken. Stams war für mich eine Lebensschule“, sagt der Ex-Profisportler. Bis zu seinem Karriereende im Jahr 2015 trainierte er immer wieder dort, wo für ihn alles begann. 

Rückblick

50 Jahre Schigymnasium Stams

Das sind die Meilensteine.

Schulbeginn
Am 25. September 1967 starten 15 alpine Skiläufer erstmals ihre Ausbildung am Schigymnasium Stams, das im Meinhardinum im Stift Stams eingegliedert ist. Sie werden im zu einem Internat umgebauten Gasthof Speckbacher untergebracht.  

Frauenpower 
1969 werden erstmals fünf Mädchen in Stams aufgenommen. Untergebracht werden sie in einem Bauernhof.

Neue Schulform
Damit sich Sport und Schule besser vereinbaren lässt, wird 1970 das Leistungsstufenmodell eingeführt, das die klassische Schulform mit Jahrgangsklassen ersetzt. In diesem Jahr werden auch die ersten Skispringer aufgenommen.

Das Mädcheninternat

Neue Schulform
Damit sich Sport und Schule besser vereinbaren lassen, wird 1970 das Leistungsstufenmodell eingeführt, das die klassische Schulform durch Jahrgangsklassen ersetzt. In diesem Jahr werden auch die ersten Skispringer aufgenommen. 

Verselbstständigt
Das Schigymnasium wird mit dem Schuljahr 1972/73 aus dem Meinhardinum herausgelöst und bekommt eine eigene Leitung. Träger sind der Bund, das Land und das Stift Stams. 

Ski Nordisch
Langlauf kommt im Jahr 1973 als neue Sportart dazu. 

Der Schülerbus in den 70er Jahren

Neue Infrastruktur
Die Leichtathletikanlage des Schigymnasiums und die Mattenschanze werden im Schuljahr 1974/75 in Betrieb genommen.

Angebot erweitert
Neben dem Gymnasium wird die Handelsschule 1975/76 als zweite Schulform eingeführt. Im selben Jahr fällt der Startschuss für den Schulneubau.

Koryphäe 
Die Kombinierer bekommen mit Tadeusz Kaczmarczyk 1978/79 einen eigenen Trainer. 

Neues Zuhause 
Mit dem neuen Schuljahr 1980/81 erfolgt der Umzug in das neue Schulgebäude, das 1982 offiziell eröffnet wird.

Spatenstich für die Schanze
Die neue Brunnentalschanze mit zwei Schanzenlängen (60 und 105 Meter) wird 1988 gebaut.

Einweihung der Brunnentalschanze

Alte und junge Skispringer
Im Jahr 1990 gibt es ein internationales Eröffnungsspringen auf der Brunnentalschanze: Der „Seniorenbewerb“ auf der 60-Meter-Schanze wird von den Olympiasiegern Toni Innauer und Karl Schnabl angeführt. Auf der 105-Meter-Schanze gewinnt der damals 18-jährige Andreas Goldberger.  

Startschuss
Im Schuljahr 1996/1997 werden die ersten Biathleten aufgenommen. Drei Jahre später folgen die Snowboarder. 

Neue Kraftplatzerln
Von 2005 bis 2006 werden die Fitness-, Kraft- und Trainingshallen umgebaut. 

Erneuerung 
2008 wird das ausgebaute und renovierte Mädchenheim bezogen.

Ein Tafel in Stams listet die Siege ehemaliger Schüler auf.

Auch außerhalb des Sports machten Ex-Stamser-Schüler Karriere

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