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Tirols neuer Klettertempel

Neues Kletterzentrum Innsbruck

Tirols neuer Klettertempel

Exklusive Hausführung mit Reini Scherer

Text: Eva Schwienbacher, Bild: Johannes Mair / Alpsolut

In Innsbruck entsteht derzeit eine der modernsten Kletterhallen der Welt. Die Anlage übertrifft sogar die Erwartungen der Kletterlegende Reinhold „Reini“ Scherer, der maßgeblich an der Realisierung beteiligt war. Und auch Ex-Profikletterer Kilian Fischhuber ist beeindruckt von den mächtigen Wänden und außergewöhnlichen Griffen.

Im Eingangsbereich des Kletterzentrums, wo im Moment noch gebaut wird, stehen nebeneinander vier neue Stühle in Gelb, Grün, Orange und Schwarz. Dahinter erlaubt eine Glaswand einen ersten Blick in die Vorstiegshalle. Die Kletterwände dort sind bereits verbaut und mit Griffen in knalligen Farben bestückt. Reini Scherer, designierter Geschäftsführer des neuen Kletterzentrums, setzt sich auf einen seiner Favoriten. Es ist ein Modell mit Hartschale aus dunklem, transparentem Kunststoff und breiter Lehne. „Er ist perfekt, um sich nach harter Arbeit in der Senkrechten zu entspannen“, sagt Scherer. Er diskutiert gerade mit dem Architekten Thomas Schnizer sowie Kletterass Kilian Fischhuber über die Bestuhlung des Bistros, das am Eingang des Kerngebäudes entstehen soll.

 Detailfragen wie diese halten Reini Scherer neben dem Routenbau, Rechnungen, Büroarbeiten und Verhandlungen derzeit auf Trab. In weniger als zwei Monaten wollen hier Spitzensportler und Hobbykletterer der Schwerkraft den Kampf ansagen. „Seit Anfang Jänner hatte ich drei Tage frei“, erzählt Scherer. Trotz der intensiven Zeit in den vergangenen Monaten hat er ein Lächeln im Gesicht. Schließlich hat sich der ehemalige Nationalteamtrainer neun Jahre lang dafür eingesetzt, damit Innsbruck eine neue Kletterhalle bekommt.

Sobald die Kletterwände verbaut sind, geht es für Scherer & Co. an den Routenbau 

Wie alles begann

Im Jahr 2005 hat man erstmals registriert, dass die Kapazitäten der Kletterhalle Tivoli mehr als erschöpft sind. Doch bis der erste Spatenstich erfolgte, sollten noch zehn Jahre verstreichen. In erster Linie war die Suche nach einer Location eine große Herausforderung. Schließlich wurde man auf das WUB-Areal am Sillufer östlich von Innsbruck aufmerksam. Ein städtisches Grundstück, das ausreichend Platz für das Projekt bot. 

Die gute und schnelle Erreichbarkeit sprachen zudem für den Standort, erklärt Scherer: „Der Stadtführung war es wichtig, den Sport im Stadtzentrum zu beherbergen. Wohnen und Aktivsein soll nebeneinander möglich sein.“ Und in der Tat, mit dem Fahrrad benötigt man vom Stadtzentrum knapp zehn Minuten, um zum neuen Kletterzentrum zu gelangen. Fahrradständer sind bereits fixiert, auch 120 Parkplätze sind eingeplant. 

Reini Scherer zeigt Kilian Fischhuber die Highlights der Vorstiegshalle.

Reini Scherer, am 18. Dezember 1965 in Lienz geboren, ist seit 2001 Geschäftsführer des Innsbrucker Kletterzentrums Tivoli und übernimmt im Frühjahr die Geschäftsführung des neuen Kletterzentrums Innsbruck. Scherer studierte Sportwissenschaften und Italienisch, trainierte jahrelang Tiroler Kletterstars wie David Lama, Angela Eiter, Katharina Saurwein oder Jakob Schubert, ist Berg- und Skiführer und Steilwand-Skifahrer. Als begnadeter Kletterer sind Scherer bereits über 1.000 Erstbegehungen bis zum elften Schwierigkeitsgrad gelungen.

Architektonischer Eyecatcher

Kommt man von der Matthias-Schmid-Straße aufs Gelände, stechen sofort drei freistehende Skulpturen ins Auge, an denen gerade intensiv gearbeitet wird. Bei einer davon handelt es sich um eine Speedwand. Zwei Arbeiter sind dabei, dort die elektronische Zeitmessung anzubringen. Aus den beiden größeren Strukturen entstehen Vorstiegswände. 

Bei der Ausschreibung im Jahr 2014, die durch die Immobiliengesellschaft der Stadt Innsbruck in Abstimmung mit der Stadtplanung erfolgte, haben 52 internationale Architekturbüros ihre Projekte eingereicht. Am Ende hat ein Innsbrucker gewonnen. „Es war unser großes Glück, dass das Siegerprojekt aus Innsbruck kam. Der Architekt Schnizer war direkt vor Ort, sodass wir uns regelmäßig abstimmen konnten. Nur durch die enge Zusammenarbeit konnte eine so lässige Halle entstehen“, erzählt Scherer. Was sein Projekt von den anderen unterschied, waren nicht zuletzt ästhetische Aspekte. „Schnizer war der Einzige, der die Kletterwand im Außenbereich als alleinstehendes Element geplant hat. Durch die Skulpturlandschaft im Freien entsteht ein architektonischer Eyecatcher.“ Finanziert wurde der Neubau durch Stadt, Land und Bund. 

Kilian Fischhuber

„Im internationalen Vergleich ist das Kletterzentrum Innsbruck ein State-of-the-Art, wie es sich für eine Sportstadt gehört. Es gibt weltweit nichts Vergleichbares, wo es jeweils Speed-, Boulder- und Vorstiegsbereiche in der Halle und draußen gibt. Das ist vor allem für die jungen Athleten wichtig, die sich hier auf Olympia 2020 in Tokio vorbereiten können.“ 

Drei Kernbereiche

Bei der Besichtigung der Anlage mit Reini Scherer werden die Dimensionen klar: Eine Treppe links vom Eingang führt eine Ebene tiefer, wo sich die großzügigen Umkleidekabinen sowie die Sanitäranlagen befinden. Von dort gelangt man in die Vorstiegshalle mit 3.000 Quadratmetern Kletterfläche, einem Kinderraum mit Kletterturm sowie einer Galerie, die in erster Linie Kursen und Anfängern vorbehalten ist. 

Griffe für die neue Boulderhalle

Von dort geht es über einen Gang zur Boulderhalle, die 1.200 Quadratmeter Kletterfläche bietet und in einem bestehenden Gebäude untergebracht ist. Hier kann man sich bei Top-out-Boulder und klassischen Boulderproblemen in unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden verausgaben. Anders als im Tivoli werden hier die einzelnen Boulder an den Farben der Griffe zu erkennen sein. In diesem Gebäudekomplex sind zudem Lager-, Seminar-, Büro- und Griffwaschräume untergebracht. Im Outdoor-Bereich befinden sich darüber hinaus 1.500 Quadratmeter Kletterfläche zum Seilklettern und Bouldern. 

Zeitweise hatte Scherer den Eindruck, die Anlage könnte zu klein sein, um gleichzeitig den Breiten- und Spitzensport unter einem Dach zu vereinen. Die Befürchtung blieb unbegründet: „Wenn ich mir die Pläne und meine selbst gebauten Modelle angeschaut habe, hatte ich ständig das Gefühl, dass es irgendwo noch eine zusätzliche Wand braucht. Wenn ich jetzt die Halle betrete, staune ich selbst über die Dimensionen.“ 

Perfekte Trainingsmöglichkeiten

Im Kletterzentrum Innsbruck ist zudem das Bundesleistungszentrum integriert. Das österreichische Kletternationalteam, der Landeskader und der Innsbrucker Kader  haben zum Beispiel die Möglichkeit, bestimmte Wände für Trainingszwecke zu reservieren. Für Sportkletterer heißt das, dass sie hier alle vier Disziplinen – Lead, Speed, Bouldern und infolge auch das olympische Kombinationsformat – trainieren können.

Auch sämtliche Bewerbe der Jugend- und Junioren-WM heuer im Herbst sowie die Qualifikation für die Kletter-WM, die nächstes Jahr in Innsbruck ausgetragen wird, finden in der neuen Sportstätte statt. „Mein Wunsch war immer, eine Kletterhalle zu bauen, in der man Bewerbe austragen kann, ohne den täglichen Kletterbetrieb für das Publikum unterbrechen zu müssen. Das ist uns jetzt gelungen.“ 

Reini Scherer

„Mein Wunsch war immer, eine Kletterhalle zu bauen, in der man Bewerbe austragen kann, ohne den täglichen Kletterbetrieb für das Publikum unterbrechen zu müssen. Das ist uns jetzt gelungen.“ 

Premiere in der Vorstiegshalle

An der Planung der Kletterwände für die Wettkampfkletterer waren neben dem österreichischen Kletterverband auch die Lokaltmatadore Jakob Schubert, Anna Stöhr sowie Kilian Fischhuber beteiligt. Profiathleten haben ganz bestimmte Ansprüche, erklärt der Boulderspezialist Fischhuber: „Es geht darum, sich bestmöglich auf die Wettkämpfe vorbereiten zu können. Es ist wichtig, dass die Kletterwände unterschiedlich geneigt sind und es vielfältige Griffe gibt.“ 

Fischhuber nutzt an diesem Märztag die Gelegenheit, um zum allerersten Mal in eine Route in der neuen Halle einzusteigen. Es ist eine anspruchsvolle 7c+. Und er ist begeistert: „Es ist ziemlich beeindruckend. So eine steile Wand sind wir in Innsbruck nicht gewohnt. Sie ist zwar nicht viel höher als im Tivoli, doch der Überhang ist enorm. Und wenn man Richtung Osten blickt, sieht man durch die Öffnung das Inntal. Das ist ein erhabener Anblick“, schwärmt Fischhuber. Besonders gelungen findet er auch die Griffauswahl. „Es gibt viele große, runde Griffe, die man sonst nur vom Bouldern kennt. Es macht Spaß, daran zu arbeiten. Man kann richtig dreidimensional klettern.“

Den Nachwuchsathleten gibt die neue Anlage bestimmt noch einmal einen Motivationsschub, sagt Fischhuber, der sich selbst vor drei Jahren aus dem Wettkampfsport zurückgezogen hat. „Im internationalen Vergleich ist das Kletterzentrum Innsbruck ein State-of-the-Art, wie es sich für eine Sportstadt gehört. Es gibt weltweit nichts Vergleichbares, wo es jeweils Speed-, Boulder- und Vorstiegsbereiche in der Halle und draußen gibt. Das ist vor allem für die jungen Athleten wichtig, die sich hier auf Olympia 2020 in Tokio vorbereiten können.“

Platz für alle 

Bis zur Schließung der alten Halle am Tivoli und gleichzeitig provisorischen Eröffnung des neuen Kletterzentrums Innsbruck – das bereits jetzt „ki“ genannt wird – am 15. Mai und der offiziellen Eröffnungsfeier im Rahmen des 1. Austria Climbing Cup in Innsbruck vom 16. bis 18. Juni gibt es noch jede Menge zu tun. Die Vorfreude auf die Halle ist in der Kletter-Community riesig. Fest steht am Ende des Tages zumindest eines: Der orange Stuhl wird es nicht.

Der Wahltiroler Kilian Fischhuber, geboren am 1. August 1983 in Waidhofen an der Ybbs in Niederösterreich, studierte Englisch und Sportwissenschaften auf Lehramt in Innsbruck. Im Jahr 1999 wurde er ins österreichische Nationalteam aufgenommen. Er gewann fünf Mal den Boulder-Gesamtweltcup, wurde zweimal Vizeweltmeister und einmal Europameister im Bouldern. 2014 beendete Fischhuber seine Karriere als Sportkletterer, um den Fokus aufs Felsklettern zu legen.

Zahlen und Fakten:

5.700 Quadratmeter reine Kletterfläche, 6.200 verbaute Wandfläche, ca. 220 Kletterlinien, über 600 Routen, ca. 200 Boulder; Schwierigkeitsgrade: 60 % für Anfänger- bis Hobbykletterer (3. bis 7. Grad), 20 % Hobbytrainierer (8. bis 9. Grad), 20 % Elitekletterer (10. und 11. Grad)

Zuschauer: ca. 3.500; Gleichzeitige Kapazität im laufenden Betrieb: ca. 500, 500 Garderoben/Schließfächer; Kapazität bei Indoor-Events mit Zuschauern: 600 bis 650 Besucher, 120 Parkplätze; Kosten: 12 Mio. Euro; die Finanzierung erfolgte durch Mittel der Stadt Innsbruck, des Landes Tirol (jeweils 4,91 Mio. Euro) sowie des Bundes (2,2 Mio. Euro)

Betreiber: Alpenverein Kletterzentrum Innsbruck GmbH; Nutzer: Bundes- und Landesleistungszentrum der Kletterverbandes Österreich (KVÖ) und Tirol (KVT)

Eigentümer: Stadt Innsbruck; Geschäftsführer: Reini Scherer; Das neue Kletterzentrum Innsbruck ersetzt das Kletterzentrum Tivoli und integriert das Bundesleistungszentrum. Standort: WUB-Areal (benannt nach einer Firma, die dort ihren Standort hatte), Michael-Schmid-Straße 12 

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