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Lisi, ihr Bike und die Berge

Radland Tirol

Lisi, ihr Bike und die Berge

„Auf einem coolen Trail, fühle ich mich frei.“

Text: Eva Schwienbacher

 Lisi Osl gehört zu den besten Mountainbikerinnen Österreichs. Acht Mal gewann die Tirolerin die Österreichische Staatsmeisterschaft, 2009 konnte sie den Gesamtweltcup für sich entscheiden und sogar ein Trail wurde nach ihr benannt. Ein Porträt von einer, die auf zwei Rädern Freiheit erfährt. 

„Ein Mountainbike kommt mir nicht ins Haus“, sagt Philipp Osl zu seinen vier Töchtern. Es ist Mitte der 90er-Jahre und der Familienvater, der früher selbst Straßenrennen fuhr, will verhindern, dass seine vier Mädchen sich plagen und dem Druck von Wettkämpfen aussetzen. Doch bekanntlich finden Kinder besonders daran Gefallen, wovor Eltern sie schützen wollen. So überrascht es wenig, dass im Hause Osl die Rebellion auf dem Rad stattfindet.

Lisi – auf offiziellen Dokumenten, Startlisten und bei Meinungsverschiedenheiten mit den Eltern auch Elisabeth – Osl wächst in Kirchberg in einer ruhigen Gegend am Waldrand auf, ohne Fernseher, ohne Auto. Die Zeit vertreibt sie sich mit ihren vier Schwestern und ihrem Bruder in der Natur. Bewegung im Freien ist für die Tirolerin seit sie laufen kann wichtig. Und in der Tat, auch jetzt als Erwachsene kann man sich die drahtige Sportlerin nur schwer an einem Schreibtisch vorstellen.

Der Anfang zu zweit

Ihre Geschichte als Radlerin beginnt auf einem von ihren Geschwistern weitergegebenen Fahrrad mit Rücktrittbremse. Nur wenig hat das klobige Gefährt mit jenem Hightechgerät zu tun, mit dem sie sich 2009 den Gesamtweltcupsieg holt. Von Anfang an zeigt sich in Lisi Osl die unerbittliche Kämpferin, die hart im Nehmen ist. Bei den Versuchen mit dem von ihren Eltern an einem Besenstil geführten Rad das Biken zu lernen, holt sie sich als Kind gleich zweimal eine Gehirnerschütterung. Den Luxus eines persönlichen Fahrtechniktrainers kann sie sich damals noch nicht leisten.

Ihr erstes Mountainbike verdient sie sich als 13-Jährige auf der Zither bei Auftritten mit der Familien-Hausmusik. Im selben Jahr braucht ihre um ein Jahr ältere Schwester Maria noch eine zweite Fahrerin fürs Staffelrennen. Zunächst wenig begeistert, packt Lisi schließlich doch das Rennfieber. Von nun an jagen die „Osl Sisters“ auf dem Mountainbike die Kitzbühler Berge hoch und liefern sich bei regionalen Wettkämpfen harte Kopf-an-Kopf-Rennen. 

„Mit meinem späteren Fahrtechniktrainer Kurt Exenberger waren wir das erste Mal Downhillen. Es war neu für uns, nur für die Abfahrt aufs Rad zu steigen.“

Drei Jahre lang fahren sie bei Bergrennen mit und zeigen, dass sie bergauf verdammt schnell sein können. Erste Erfolge geben ihrer Begeisterung für Wettkämpfe zusätzlichen Auftrieb. Schließlich wenden sich die beiden dem Cross Country zu. Diese Mountainbike-Disziplin ist als einzige olympisch und besteht aus Rundkursen mit steilen Anstiegen und Abfahrten. Was sie damals jedoch noch nicht können: Vom Berg schnellstmöglich und sicher herunterrasen. „Mit meinem späteren Fahrtechniktrainer Kurt Exenberger waren wir das erste Mal Downhillen. Es war neu für uns, nur für die Abfahrt aufs Rad zu steigen“, erzählt Lisi Osl. Ihre gewaltige Kondition hilft bei der Talfahrt über Stufen, Steine und Wurzeln wenig. Schließlich erklären die beiden mit blutigen Knien und Ellbogen ihrer Mutter, dass sie nun auch das Abfahren lernen müssen.

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Auf der Überholspur

Wie ihre Schwestern besucht Lisi Osl die dreijährige Fachschule für Hauswirtschaft in Weitau im Tiroler Unterland. Dort lernt sie „alles, was sie im Leben können muss“. Im Sport ist Maria die Stärkere. Lisi steht meist eins tiefer auf dem Stockerl. Dann erkrankt sie für kurze Zeit und ausgerechnet damit nimmt die Geschichte ihre Wendung: „Nach einem Blinddarmdurchbruch fühlte ich mich, als hätte man mir den Stecker rausgezogen. Ich musste beim Training komplett bei Null anfangen“, erzählt Lisi Osl.

Mit dem Neustart kommt ihr persönlicher Durchbruch: 2001 schafft sie den Sprung ins österreichische Nationalteam. Nur ein Jahr später wird Lisi Osl Vizeweltmeisterin bei der Junioren-WM in Kaprun. Sie fährt ihrer Schwester Maria auf und davon. „Jede von uns wollte immer die Schnellere sein. Man kämpft natürlich damit, wenn die kleine Schwester besser ist. Für mich war es aber einfach nur cool“, erzählt sie. Karriere- und marketingtechnisch schlägt die Zweitjüngste der Osls nun ihren eigenen Weg ein. 

„Wenn ich einen coolen Trail fahre, fühle ich mich frei. Egal wie lange, egal wie schnell ich fahre. Ich brauche nur mein Fahrrad und die Berge.“

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Ihrer WM-Silbermedaille verdankt sie im Jahr 2002 einen Platz als Profisportlerin im Bundesheer. Finanziell abgesichert, kann sich Lisi Osl nun zu hundert Prozent aufs Biken konzentrieren.

Der Kampf an die Spitze

Gute Bekannte beschreiben Lisi Osl als geerdet, sympathisch, freundlich, bescheiden und unauffällig. Ihre zierliche, 48 Kilogramm leichte Statur verleiht der Sportlerin ein sehr jugendliches Aussehen – beim Weinkaufen bittet man die 30-Jährige schon mal um ihren Ausweis. Als Vollprofi zeigt sie sich stets zielstrebig, ehrgeizig und ungeheuer streng mit sich selbst. Manchmal zu streng, sagt Toni Oberacher vom Bike Team Kirchberg. Gemeinsam mit seinen Leuten unterstützt der Fahrradfachhändler die junge Mountainbikerin seit Beginn ihrer Sportkarriere. Auch nach ihrem Wechsel in ein internationales Team im Jahr 2011 ist er Lisi Osl eine wichtige Ansprechperson. „Lisi hat enormes Potenzial. Sie ist extrem überzeugt von dem, was sie tut. Einzig ihre Sturheit steht ihr manchmal im Weg.“ 

Ihrer Schwächen ist sich Lisi Osl durchaus bewusst. Als sie zum Bundesheer kommt, gibt es für sie nur noch das Training. Der Tagesablauf ist streng getaktet. „Ich hatte plötzlich den ganzen Tag Zeit, zu trainieren. Das wollte ich ausnutzen“, erinnert sich Lisi Osl an die Zeit zurück. Der volle Einsatz wird zunächst mit Erfolgen belohnt: Nach einer Bronze- und einer Silber-Medaille im Jahr 2003 und 2004, wird sie acht Mal in Folge Staatsmeisterin. 2005 rast sie in der Europacup-Gesamtwertung auf Platz eins. 2008 darf sie für Österreich zu den Olympischen Spielen nach Peking und wird elfte. 2009 folgt, worauf sie besonders stolz ist: der Gesamtweltcupsieg. Zwei Jahre lang besetzt Lisi Osl die Spitze der Weltrangliste. 2011 stellt der deutsche Fahrradhersteller Ghost ein internationales Radteam auf und holt die Kirchbergerin an Bord. Im selben Jahr wird am Gaisberg in Kitzbühel ein Trail nach ihr benannt. „In diesen Jahren lief es einfach“, erzählt Lisi Osl.

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Siege sind nicht alles

Dann stößt die junge Atheltin plötzlich an ihre Grenzen. „Ich wurde auf einmal langsamer ohne zu wissen warum“, schildert sie. Die Olympischen Spiele in London 2012 laufen nicht nach Plan: Nach zwei Stürzen landet die Erfolgsverwöhnte auf Rang 15. Die Stockerlplätze werden seltener. 2014 ist sie nur mehr 16. in der Weltrangliste. „Man ärgert sich natürlich, fragt sich warum. Ich glaube, meinem Körper zu viel abverlangt zu haben. Und eines Tages holte er sich, was er braucht.“ Im Falle der Kirchbergerin bedeutet das eine Pause. „Ich musste lernen, meinen Tunnelblick abzulegen, Ruhephasen einzuhalten und auch ein Leben abseits des Sports zu führen “, erzählt Lisi Osl. „Diese Erfahrung war ein wichtiger Lernprozess für mich.“ Heute gelinge ihr es in jedem Fall besser, das Rad stehen zu lassen, sich ein Buch zu schnappen oder einfach mal daheim zu garteln. 

Dass es läuft, war für die Sportlerin über Jahre hinweg selbstverständlich. „Den Erfolg wusste ich erst zu schätzen, als er ausblieb“, sagt sie. Doch Siege sind längst nicht alles. „Wenn ich einen coolen Trail fahre, fühle ich mich frei. Egal wie lange, egal wie schnell ich fahre. Ich brauche nur mein Fahrrad und die Berge.“

Am liebsten lange Ausfahrten

„Ich kann stundenlang am Fahrrad sitzen. Je kürzer und härter die Einheiten sind, desto mehr kostet es mich an Überwindung.“

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Gelassen in die Zukunft

Lisi Osl trainiert heute immer noch hart, achtet jedoch mehr auf ihren Körper. Je nach Jahreszeit stehen Ausdauer, Technik, Kraft und Schnelligkeit auf dem Plan. Am liebsten arbeitet sie an ihrer Kondition: „Ich kann stundenlang am Fahrrad sitzen. Je kürzer und härter die Einheiten sind, desto mehr kostet es mich an Überwindung.“

Von November bis Februar bereitet sich Lisi Osl auf die rund 20 Rennen vor, die von März bis Ende September weltweit stattfinden. Im Gegensatz zu ihren vier Teamkolleginnen, die im Winter im Süden trainieren, verbringt sie die kalte Jahreszeit in Tirol. Die Wintermonate ermöglichen es ihr, Distanz zum Radeln zu gewinnen. Trainiert wird dann auch im Schnee auf Touren- oder Langlaufskiern. Im Oktober gibt es eine dreiwöchige Ruhepause. „Da genieße ich es auch einmal nur in den Tag hineinzuleben“, sagt Lisi Osl.

Prinzipiell fühlt sich die Kirchbergerin nirgends so wohl, wie in ihrer Heimat. „Tirol ist einfach Tirol“, meint Lisi Osl und es fällt nicht schwer, ihr diese Worte zu glauben. Nach Trainingslagern und Rennen auf Gran Canaria oder Zypern, in Südafrika oder Australien freut sie sich vor allem auf ein Glas Leitungswasser, die frische Luft, ihre Familie und „ihre Berge“.

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Was den Aufenthalt fernab von ihrer Herkunft erleichtert, ist ihre Beziehung zu Andreas Gilgen. Der Schweizer ist 120 Tage im Jahr als Fahrtechniktrainer und als „gute Seele“ mit dem Ghost Factory Racing Team unterwegs. Seit drei Jahren sind die beiden ein Paar. Berufliches und Privates wird jedoch klar getrennt.

Klarheit herrscht auch, wenn es um ihr Karriereende geht. „Bis 35 will ich noch Rennen fahren“, sagt Lisi Osl. „Bis dahin will ich noch einmal richtig Gas geben und im Moment fühle ich mich fit.“ Mittlerweile hat auch niemand mehr etwas gegen ihre Mountainbike-Karriere einzuwenden. In Anbetracht ihrer Erfolge wäre Protest auch sinnlos.

Biken statt Kochen

Lisi Osl kommt am 21.November 1985 im Rettungsauto zwischen Kirchberg und Kitzbühel zur Welt. Die Mountainbikerin wurde achtfache Staatsmeisterin im Cross Country, Weltcup-Gesamtsiegerin (2009) und ist seit 2011 für das GHOST Factory Racing Team unterwegs. Als Kind wollte Lisi Osl Köchin werden, entschied sich nach ihrem ersten Kochunterricht dann aber doch für eine Karriere auf zwei Rädern. 


Ihre TrainerVon 1999 bis zu den Olympischen Spielen in Peking im Jahr 2008 wurde Lisi Osl vom Kitzbüheler Mountainbike-Trainer Kurt Exenberger betreut. „Vom ihm habe ich das Fahrradfahren erst richtig gelernt“, sagt Lisi Osl. Heute arbeitet sie mit dem deutschen Trainer Toni Uecker zusammen, der beispielsweise die dreifache Olympiasiegerin Sabine Spitz trainierte.


Ihre Erfolge. 

15. Platz Olympische Spiele London 2012
1. Platz Bundesliga Gesamtwertung 2009/2010
1. Weltrangliste 2009/2010
1. Platz Weltcup Gesamtwertung 2009
1. Platz Weltcup Pietermaritzburg/Südafrika 2009
1. Platz KitzAlpBike XC Kirchberg/Österreich 2009
1. Platz Welt Cup Champéry/Schweiz 2009
1. Platz Welt Cup Schladming/Österreich 2009
11. Platz Olympische Spiele Peking 2008
Achtfache Österreichische Staatsmeisterin

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