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40 Griffe zur WM-Spitze

Jugend- und Junioren-Kletter-WM

40 Griffe zur WM-Spitze

Wie zwölf der weltweit besten Kletterroutensetzer die Wettkämpfe in Innsbruck vorbereiten.  

Text: Klaus Erler, Bild: Johannes Mair / Alpsolut

Die Jugend- und Junioren-Kletter-WM 2017 in Innsbruck ist der größte Wettkampf, den es im Klettersport bisher gegeben hat. Dabei sind nicht nur Funktionäre und Sportler gefordert, sondern in besonderem Maß auch die Kletterroutensetzer. sport.tirol begleitet die Besten ihrer Zunft bei den Vorbereitungen. 

Wenn die Jugend-Kletter-Stars mit ihren Wettkämpfen beginnen, ist für andere die Arbeit schon zu einem Gutteil wieder getan: Die zwölfköpfige Routensetzer-Crew rund um Jacky Godoffe (Hauptroutensetzer, Bouldern), Reini Fichtinger (Vorstieg) und Tomasz Oleksy (Bouldern) war im neuen Kletterzentrum Innsbruck neun Tage lang damit beschäftigt, insgesamt 120 Boulder- und 30 Vorstiegsrouten zu entwickeln. Diese Routenbauprofis gehören zu den besten Routensetzern weltweit und wurden vom Internationalen Verband für Sportklettern (IFSC) entsandt, um für die Jugend- und Junioren-Kletter-WM in Innsbruck zu arbeiten. Neun nationale Routensetzer, darunter auch die Kletterprofis Kilian Fischhuber und Jorg Verhoeven, assistierten ihnen und realisierten dabei ihre eigenen Ideen entlang des Routenplans. 

Erfahrung ein Muss

Langjährige Erfahrung ist hier in Innsbruck ein absolutes Muss, da eine Jugend- und Junioren-Kletter-WM für Routensetzer eine vielfach höhere Herausforderung darstellt als ein Erwachsenenwettkampf. Zwar sind die vier Bewerbe Qualifikation, Halbfinale, Finale und Kombinationsfinale technisch etwas weniger anspruchsvoll als entsprechende Erwachsenenrouten. Dafür teilen sich die Jugend-WM-Bewerbe nicht nur in Männer- und Frauenkategorien auf, sondern auch noch in drei verschiedene Alterskategorien: die 14- bis 15-Jährigen, die 16- bis 17-Jährigen und die 18- bis 19-Jährigen. Routenbauer brauchen also eine gehörige Portion Erfahrung und Abstraktionsvermögen. Sie kennen zwar die besten Kletterer, nicht aber das Niveau aller Starter. Auch müssen die Routen für kleinere Kletterer genauso passen wie für größere, für langsamere Kletterer genauso wie für schnelle. Hauptroutensetzer Jacky Godoffe: „Der Wettkampf darf ja nicht nur für die Besten da sein. Zumindest zu Beginn der Wettkampfveranstaltung müssen auch die schwächeren Teams mit dabei sein können.“

Neun Tage lang, sieben Stunden täglich

Der sechzigjährige Franzose Godoffe gilt noch immer als ein Ausnahmetalent in Sachen Klettern und als der weltweit wohl erfahrenste Routensetzer. In den 25 Jahren seiner Routensetzertätigkeit hat er es allerdings noch nie mit einer derart großen Herausforderung zu tun gehabt, wie sie die Jugend- & Junioren-WM 2017 im Sportklettern darstellt. Jacky Godoffe: „Diese Veranstaltung hier ist der größte Wettkampf, den es bisher im Klettersport überhaupt gegeben hat. Das betrifft sowohl die Anzahl der Routen als auch die Anzahl der Teilnehmer.“ 

Deshalb hatten zwölf Routensetzer neun Tage lang sieben Stunden täglich alle Hände voll zu tun, um an den Routen zu bauen, bevor die Wettkämpfe durchgeführt werden können. Zuerst wurden die Route den jeweiligen Erfordernissen entsprechend erdacht. Danach erstiegen die Routenbauer eine von vier Hubarbeitsbühnen. Den überdimensionalen Ohrschutz aufgesetzt, schwebten sie hydraulisch unterstützt auf bis zu 17 Meter Höhe. Dort befestigten sie –begleitet vom lauten Knattern und hochfrequenten Sirren der E-Bohrer – pro Route rund 40 Klettergriffe in verschiedensten Formen und Farben. Nach getaner Arbeit wirkten die Kletterwände beinahe wie eine abstrakte Skulptur. Anschließend wurden die Routen von den Erbauern – manchmal einen ganzen Tag – selbst geklettert. Das brachte wichtige Erkenntnisse über die Qualität der jeweiligen Route. Überall dort, wo sich beim Klettern noch kein fließender oder dem gewünschten Schwierigkeitsniveau entsprechender Bewegungsablauf entwickelte, wurde feingetunt. Als letzter Schritt mussten die Routen schließlich kartografiert und fotografiert werden, um sie im Wettkampf ident wieder aufbauen zu können.

Nach dem Abbau blieben an der Wand verschiedenfarbige Markierungen und Symbole zurück. Diese Markierungen erleichtern während der Wettkämpfe einen schnellen Wiederaufbau der einzelnen Routen. Die Entwicklung einer Route dauerte drei bis vier Stunden, der gesamte Ab- und Aufbauprozess einer Vorstiegsroute während des Wettkampfs benötigt etwa gleich viel Zeit. Der für die Vorstiegsrouten verantwortliche Reini Fichtinger hat 15 Jahre Erfahrung als Routenbauer. Er erklärt, woran man eine gute Wettkampfroute erkennt: „Nur der Beste kommt hinauf, der Rest des Kletterfelds sollte an unterschiedlichen Stellen scheitern.“ Aber auch wenn der beste Kletterer kurz vor dem Ziel abfliegt und das Verfolgerfeld an unterschiedlichen Stellen schon zuvor aufgeben musste, ist die Route für Reini Fichtinger in Ordnung. „Was nicht passieren darf, ist, dass alle sechs Kletterer das Ziel erreichen oder alle am gleichen Hindernis scheitern.“ 

„Was nicht passieren darf, ist, dass alle sechs Kletterer das Ziel erreichen oder alle am gleichen Hindernis scheitern.“
Reini Fichtinger, Routensetzer Vorstieg

Ablauf eines WM-Tags

Auch jetzt während der Wettkämpfe ist das Routensetzer-Team gefordert. Am Abend nach den Wettkämpfen werden die alten Routen ab-, die neuen Routen aufgebaut. Sollte sich das gewählte Routenniveau als zu leicht oder zu schwierig erwiesen haben, wird es angepasst. Zu komplizierte Abschnitte können entschärft werden, zu wenig herausfordernde Teilabschnitte lassen sich nachschärfen. Das Hauptziel ist, Routen passend zum Geschlecht und Alter der verschiedenen Jugendkletterer zu finden, oder wie es Jacky Godoffe formuliert: „Jede Route ist eine Frage, auf die junge Kletterer möglichst rasch eine Antwort finden müssen. Mit viel Erfahrung und etwas Glück ist es uns hier gelungen, unsere Routen so auszubalancieren, dass sie für alle Kletterer spannend und fair sind.“

Jugend- & Junioren-WM 2017 im Sportklettern

Zeit: 30. 8.  – 10. 9. 2017 

Ort: das neue Kletterzentrum am Innsbrucker Sillufer

1.400 Athleten im Alter von 14 bis 19 Jahren aus 60 verschiedenen Ländern kämpfen um die Weltmeistertitel. Auf dem Programm stehen Bewerbe im Vorstiegsklettern, Bouldern, Speedklettern und erstmals der olympische Kombinationsmodus. 

Die Veranstaltung dient auch als Generalprobe für die IFSC Kletter-WM 2018, die ebenfalls im neuen Kletterzentrum am Innsbrucker Sillufer ausgetragen wird. 

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