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Ein Sommer daheim

Klettermekka Tirol

Ein Sommer daheim

Im Klettergebiet Niederthai mit Katha Saurwein und Jorg Verhoeven 

Text: Eva Schwienbacher, Bild: Johannes Mair / Alpsolut

Die Profikletterer Katha Saurwein und Jorg Verhoeven sind gerne und viel in der Welt unterwegs. In diesem Sommer will das Paar jedoch mehr Zeit in Tirol verbringen – um neue Felswände zu erkunden und in ihren Lieblingsklettergebieten zu trainieren.

„Wir Kletterer sind recht faul, was das Aufwärmen vor dem Felsklettern betrifft“, sagt Katha Saurwein und lacht. Während sie noch das Seil in das Sicherungsgerät einlegt, steigt ihr Kletterpartner Jorg Verhoeven in die Route ein, an deren Anfang „Ötztal Express“ zu lesen ist. Routiniert gibt sie das Seil aus, während Jorg auf kleinen Tritten den Überhang am Einstieg überwindet. Am zweiten Sicherungspunkt hängt Jorg erst die Expressschlinge dann das Seil ein. Er taucht seine Hand in den Magnesiumbeutel und klettert leichten Fußes weiter nach oben. Es sind Bewegungen, die die beiden schon längst verinnerlicht haben und die erahnen lassen, welch eingespieltes Team das Paar ist.

Fast immer weg

Zu Beginn trägt Katha noch einen warmen Pullover. Die Luft ist an diesem Sommertag vom Gewitter in der Nacht feucht und anders als in den vergangenen Tagen kühl. Zwischendurch scheint die Sonne durch die Wolken und Nadelbäume hindurch und erhellt den Granitblock. Es ist ruhig im Klettergebiet Niederthai. Nur Vogelgezwitscher und das Rauschen der Ötztaler Ache weiter unten im Tal sind zu hören – und zwischendurch das Pfeifen von Jorg, der sich gerade in der 7C-Route warm klettert. 

Jorg Verhoeven

„Wenn man so viel unterwegs ist, vergisst man leicht, welche Klettermöglichkeiten es hier in Tirol gibt.“ 

Katha und Jorg sind vor Kurzem von einer Amerikareise zurückgekehrt. Dort kletterten die Tirolerin und der Wahltiroler, die seit über zehn Jahren ein Paar sind, den Devils Tower in Wyoming. Die Athleten bereisen regelmäßig ferne Länder, wie China, Japan, Australien, Tasmanien oder Südafrika, für Wettkämpfe und, um ihre alpinen Projekte zu verwirklichen. Im Jahr 2014 zum Beispiel gelang es Jorg, die berüchtigte Steilwand „the Nose“ am El Capitan frei zu klettern. Das Video der freien Begehung des niederländischen Profis erreichte dieser Tage eine Million Klicks.

Nach einer Reise freuen sich die beiden Abenteurer allerdings immer darauf, nach Hause zu kommen. „Es ist gut ein Homebase zu haben. Nur daheim kann ich abschalten“, sagt die Innsbruckerin. Entspannen und Kraft tanken heißt für sie, ihre Familie zu sehen, mit Freunden auf ein Eis in die Stadt zu gehen, Kollegen aus dem Nationalteam im Kletterzentrum Innsbruck zu treffen und nicht zuletzt natürlich wieder in Tirol klettern zu können.

In den Bergen zu Hause

„Wenn man so viel unterwegs ist, vergisst man leicht, welche Klettermöglichkeiten es hier in Tirol gibt“, sagt Jorg. In den letzten Jahren waren die beiden durchschnittlich 180 Tage im Jahr unterwegs. Zu Hause blieb ihnen nur noch Zeit fürs Training, das Studium oder eben Vorbereitungen für den nächsten Trip. „Es mag eigenartig klingen, doch irgendwann hatten wir genug davon, nicht öfter in Tirol klettern zu können“, sagt Jorg. „Deshalb haben wir beschlossen, in diesem Sommer mehr Zeit daheim zu verbringen – sofern es die Wettkämpfe erlauben.“

Wenn der Niederländer von daheim spricht, meint er Tirol damit. Hier lebt der 32-Jährige seit über zehn Jahren. Bereits als Kind ist Jorg viel mit seinen Eltern in die Berge gereist in die Pyrenäen, die französischen Alpen und auch nach Österreich. Mit 19 Jahren wollte er schließlich in ein Land in den Bergen ziehen, nicht zuletzt um seine Leidenschaft das Klettern auch am Felsen ausüben zu können. Eine Europareise führte ihn nach Innsbruck, wo er erneut auf Katha traf – die beiden kannten sich bereits von Wettkämpfen im Ausland. „Dann ging alles ganz schnell“, erinnert sich die 29-Jährige zurück. „Er hatte ja keine fixe Unterkunft und ist deshalb gleich bei mir daheim eingezogen. Ich wundere mich heute selbst manchmal, dass meine Eltern diesbezüglich so cool waren.“ In Kürze feiern die beiden ihren zweiten Hochzeitstag. „Wenn wir ihn nicht wieder vergessen“, sagen sie lachend.

Katharina (Katha) Saurwein ist am 11. November 1987 in Innsbruck geboren und in der Tiroler Landeshauptstadt aufgewachsen. 1995 begann sie mit dem Sportklettern und trainierte im Team von Reini Scherer. Neben dem Wettkampfklettern begann sie auch mit dem Felsklettern. Saurwein klettert im Boulder-Kader des Österreichischen Nationalteams schon lange bei Weltcups vorne mit. Zu den größten Erfolgen zählen der erste Platz beim Weltcup in Moskau (2008), der dritte Platz bei der Europameisterschaft (2015) sowie der erste Platz beim Rockmaster (2016). Heuer wurde Saurwein Zweite beim Weltcup-Auftakt in Meiringen in der Schweiz.

Zwischen Moos und Alpenrosen 

Was die beiden als Spitzenathleten an Tirol schätzen, ist die Vielfalt der Klettermöglichkeiten, die Landschaft sowie die unterschiedlichen Gesteinsarten. „Die Klettergebiete sind hier zwar kleiner als etwa in Amerika, dafür ist die Dichte höher“, sagt Jorg. „Auch das alpine Flair macht Tirol so besonders, so wie hier im Ötztal.“  

Das Klettergebiet Niederthai zählt zu den Lieblingskletterspots der beiden in Tirol. Es liegt auf 1.450 Metern Höhe und besteht aus 14 Blöcken aus Gneis, Granit und Schiefer, die sich in einem idyllischen Wald verteilen. Die Blöcke sind von kleinen Hügeln und Tälern sowie moosbedeckten Gesteinsformationen voneinander getrennt und durch einen gemütlichen Waldweg miteinander verbunden. „Hier kann man das ganze Jahr über trainieren“, sagt Jorg, „Während es im Sommer meist angenehm frisch ist, findet man im Winter immer ein sonniges Plätzchen.“ Die Kletterrouten gehen vom sechsten bis zum elften Schwierigkeitsgrad und eignen sich daher vor allem für Könner. 

Felswunder 

Zwergenloch, Adon Riese, C’est la vie oder Zapfenstreich sind nur einige der 122 Routen. Darunter gibt es welche, die die beiden immer wieder gerne klettern, und andere, die noch auf ihrer To-do-Liste stehen. Zu Ersteren zählt die Route le Miracle. Die Route ist kein Geheimtipp, sondern auch bei anderen Kletterern sehr beliebt. Sie befindet sich zirka fünfzehn Minuten vom ersten Block entfernt. Was sie auszeichnet? „Die Route ist schön steil und hat einen einzigartigen Riss. Die Griffe sind etwas unförmig und die Tritte sind nicht so leicht zu finden. Außerdem steht man am Ende ganz oben auf dem Block“, schwärmen die Kletterer.

Katha, die es aus gesundheitlichen Gründen zehn Tage lang etwas ruhiger angehen musste, steigt in die Route ein. Le Miracle führt zunächst über eine Schuppe, ehe sie steil nach oben weitergeht. Am Anfang klettert Katha noch etwas vorsichtig. „Du kannst auch weiter nach links“, versucht Jorg, ihr Anweisungen zu geben. Doch sobald die ersten Bohrhaken überwunden sind, hat Katha ihren Weg gefunden und steigt in fließenden Bewegungen Meter für Meter auf. „Echt geil“, ruft sie, als sie am Ende ganz oben steht und sich an die Kante des senkrechten Felsblocks setzt.

Starke Kletter-Community 

Die Weltspitzenkletterin nimmt an Bewerben teil, seit sie acht Jahre alt war. Inzwischen zählt sie zu den Besten des Boulder-Kaders im österreichischen Nationalteam. Jahrelang wurde sie von Reini Scherer trainiert. Heute trainiert sie fast eigenständig und spricht sich nur noch zwischendurch mit Nationaltrainer Martin Hammerer ab. „Man lernt sich und seinen Körper über die Jahre gut kennen und weiß, welches Training gut funktioniert und welche Reize man braucht“, erzählt Katha, als sie wieder Boden unter den Füßen hat. Darüber hinaus gibt es einen intensiven Austausch zwischen den Athleten sowie mit Nationalteam-Coach Heiko Wilhelm. „Wir haben in Tirol eine sehr starke und hoch motivierte Kletterszene. Es findet sich immer jemand zum Klettern – sowohl am Felsen als auch in der Halle“, sagt Katha.

Was das Training zusätzlich erleichtert, ist die perfekte Infrastruktur, die es seit der Eröffnung des Kletterzentrums Innsbruck heuer im Frühjahr gibt. „Wir verfügen über eine der besten Kletterhallen weltweit. Nationalteams aus Russland, Japan und Schweden waren bereits zum Trainieren hier. Und dabei war auch die alte Kletterhalle bereits super, jedoch irgendwann einfach zu klein“, ergänzt Jorg. 

Jorg Verhoeven ist am 5. Juni 1985 in den Niederlanden geboren und dort aufgewachsen. Er begann seine Kletterkarriere in der Halle. 2005 zog er nach Tirol. Seither lebt er in Innsbruck. Der Profikletterer geht für das niederländische Nationalteam an den Start, stand über 25 Mal am Weltcup-Podium und gewann 2008 den Lead Weltcup. In den letzten Jahren machte er auch durch zahlreiche alpine Projekte auf sich aufmerksam.

Heim-WM als grande Finale

Seit fünf Jahren haben die beiden Sponsoren, die es ihnen ermöglichen, alpine Projekte rund um den Globus zu verwirklichen. Neben den zahlreichen Wettkämpfen und den Trainings füllen damit auch noch Filmprojekte ihren Terminkalender. Außerdem haben beide vor Kurzem ein weiteres Studium begonnen, um ein zweites Standbein zu haben und etwas für den Kopf zu tun, wie sie sagen. Sie mögen es, wenn viel los ist.

Das große Ziel der beiden ist die Heim-WM 2018 in Innsbruck. Danach wollen sie sich aus dem Leistungssport zurückziehen und sich auf das Alpinklettern konzentrieren. „Es gibt noch so viel zu tun und zu erleben – in den Bergen Tirols und der Welt“, sind sich die beiden einig und packen ihr Seil ein, um am nächsten Block weiterzuklettern. 

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