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Wissen für die Kletter-WM

Kletter-Einmaleins

Wissen für die Kletter-WM

Kletterprofis aus dem Österreichischen Nationalteam zeigen, worum es in ihrer Disziplin geht.

Text: Eva Schwienbacher, Bild: Johannes Mair / Alpsolut

Die Jugend- und Junioren-Kletter-WM in Innsbruck 2017 steht vor der Tür, die Kletter-WM 2018 folgt in nur einem Jahr. Auch Österreichs Kletterasse werden da nach Medaillen greifen. Worum es bei den einzelnen Disziplinen geht und welche Anforderung sie an die Athleten stellen, bringen vier Nationalteam-Kletterer auf den Punkt.

Boulder: Akrobatik an der Kletterwand

Bouldern ist Klettern ohne Seil und Klettergurt auf Absprunghöhe. Zum Schutz der Athleten fangen Weichbodenmatten eventuelle Stürze ab. Im Wettkampf geht es darum, in drei Durchgängen (Qualifikation, Halbfinale, Finale) jeweils vier bzw. fünf kurze Boulderprobleme mit möglichst wenigen Fehlversuchen zu meistern. Ein Boulder besteht durchschnittlich aus sechs bis acht Kletterbewegungen und ist maximal 4,5 Meter hoch. Die Kletterer müssen mit beiden Händen von den markierten Startgriffen zum markierten Zielgriff (Top) klettern und diesen mit beiden Händen halten. Wer für die bewältigten Boulder die wenigsten Versuche benötigt, gewinnt. 

Wird ein Boulderproblem nicht bis zum Top geklettert, wird ein sogenannter Bonusgriff definiert, den es als Trostpunkt bzw. Zone zu erreichen gilt. Fällt ein Kletterer zwischen Bonuswertung und Topgriff, bekommt er nur die Bonuswertung angerechnet. Bringen die Topbegehungen bzw. die Anzahl der benötigten Versuche für die Topbegehungen allein noch kein eindeutiges Ergebnis, werden die Bonuswertungen bzw. die Versuche dafür hinzugezogen. Besteht auch hier noch Gleichstand, wird das Ergebnis der vorherigen Runde mit einbezogen.

Wer bei Boulderwettbewerben vorne mitmischen will, braucht neben einem hohen Maß an Athletik und Maximalkraft auch eine sehr gute Beweglichkeit sowie ein ausgeprägtes Koordinationsvermögen. 

In allen Runden wird „on sight“ geklettert, sprich die Athleten dürfen sich nicht gegenseitig beobachten. In der Qualifikation und im Halbfinale haben die Kletterer jeweils fünf Minuten Zeit pro Boulder und danach fünf Minuten Pause, bevor es zum nächsten Boulder geht. Vor dem Finale besichtigen alle Finalisten zusammen jeden Boulder jeweils zwei Minuten. Im Anschluss haben sie jeweils vier Minuten Zeit pro Boulder und anschließend so lange Pause, bis alle Kletterer den Boulder absolviert haben. Versuche, die im Finale innerhalb der vier Minuten begonnen werden, dürfen in jedem Fall zu Ende geklettert werden, auch wenn die Zeit bereits abgelaufen ist.

Wer bei Boulderwettbewerben vorne mitmischen will, braucht neben einem hohen Maß an Athletik und Maximalkraft auch eine sehr gute Beweglichkeit sowie ein ausgeprägtes Koordinationsvermögen. 

Boulder, presented by Anna Stöhr & Jessica Pilz

Lead: Kraft, Ausdauer und Technik 

Ziel beim Leadklettern (auch Vorstiegs- oder Schwierigkeitsklettern) ist es, eine Route innerhalb eines festen Zeitlimits möglichst sturzfrei zu klettern bzw. in dieser Route möglichst höher als die Mitstreiter zu kommen. Dabei muss der Athlet im Vorstieg alle Zwischensicherungen selbst einhängen. Die Qualifikation findet in der Regel im sogenannten Flash-Modus statt, bei dem die Kletterer ihre Konkurrenten beobachten können bzw. zu Beginn des Wettkampfs ein Routenbauer die Route zeigt. 

Im Finale wird dann „on sight“ geklettert: Hier müssen die Kletterer vor dem Finale in eine Isolationszone und haben sechs Minuten Zeit, sich gemeinsam mit den anderen Finalisten die Route anzusehen und die Griffabfolgen einzuprägen. Dann geht es wieder zurück in die Isolation und die Kletterer werden einzeln aufgerufen.  

Die Qualifikations-, Halbfinal- und Finalrunde werden jeweils auf drei unterschiedlichen Routen geklettert, die von Runde zu Runde schwieriger werden. Wenn es im Finale mehrere Kletterer bis zum Ende schaffen, dann zählt die vorherige Runde. Haben sie auch da die gleiche Höhe erreicht, so müssen sie in einer nochmals schwierigeren Superfinalroute gegeneinander antreten – was jedoch äußerst selten vorkommt.

Beim Leadklettern sind vor allem Kraft, Ausdauer sowie technische und taktische Kenntnisse gefragt. Die Herausforderung für die Routenbauer besteht darin, die Route so zu bauen, dass am Ende ein Sieger feststeht. 

Lead, presented by Hannah Schubert & Mario Lechner

Speed: Nicht immer gewinnt der Schnellste 

Wie der Name bereits sagt, ist bei Speed Geschwindigkeit gefragt. Es geht darum, eine international genormte Route schnellstmöglich im Toprope, also am Seil von oben gesichert, zu klettern. Die Route ist in Wettkämpfen 15 Meter lang und hat einen Überhang von fünf Grad und einen Schwierigkeitsgrad von 7-. Die Tatsache, dass es sich immer um dieselbe Griffabfolge handelt, ermöglicht es den Athleten, sich perfekt auf den Wettkampf vorzubereiten. Die aktuellen Weltrekorde halten die Russin Iuliia Kaplina mit 7,32 Sekunden und der Iraner Reza Alipourshenazandifar mit 5,48 Sekunden. In Österreich sind der Tiroler Matthias Erber und der Salzburger Lukas Knapp mit 7,30 Sekunden und die Grazerin Nina Lach mit 8,84 Sekunden die aktuellen Rekordhalter. 

Es gibt zwei Qualifikationsläufe, wobei nur der bessere gewertet wird. Diejenigen, die weiterkommen, treten im KO-System gegeneinander an. Dabei messen sich zwei Athleten an zwei identischen, nebeneinander gesetzten Routen im direkten Wettkampf. Sie müssen jeweils einmal pro Seite klettern. Dazwischen gibt es eine kurze Pause. Die beiden Zeiten werden addiert und der insgesamt Schnellere zieht in die nächste Runde ein. Es gewinnt, wer sich bis am Ende im KO-System durchsetzt, was nicht immer heißt, dass er auch insgesamt der Schnellste war.

Beim Speedklettern ist daher neben Schnell- und Maximalkraft sowie hoher Greif- und Trittpräzision trotz höchster Geschwindigkeit auch Nervenstärke gefragt.

Speed, presented by Alexandra Elmer und Tobias Plangger

Das Kombinationsformat: Finaleinzug mit der niedrigsten Punktezahl

Im Sommer 2016 beschloss das Internationale Olympische Komitee (IOC) die Aufnahme von Sportklettern ins Olympische Programm. Im Sommer dieses Jahres wurden der Qualifikationsprozess und das Olympiaformat entwickelt. Maßgeblich daran beteiligt war gemeinsam mit sechs Kletternationen der Kletterverband Österreich.

Der Wettkampfmodus im Sportklettern für Olympia ist ein Kombinationsformat und setzt sich aus den drei bestehenden Einzeldisziplinen Lead, Boulder und Speed zusammen. Der Bewerb besteht aus zwei Runden, in denen jeder Athlet jeweils in allen drei Disziplinen klettert. In allen Disziplinen kommen die aktuellen Weltcup-Modi zur Anwendung. Es gibt eine genaue Abfolge der Disziplinen: Auf Speed folgen Boulder und Vorstieg. Die Qualifikationsrunden finden an zwei oder drei Tagen statt. Die Ergebnisse dieser Qualifikationsrunde werden multipliziert und ein Ranking erstellt. Die sechs Athleten mit der niedrigsten Punktezahl ziehen ins Finale ein. Ein Beispiel: Kletterer A erreicht in den drei Disziplinen die Platzierungen 1, 10 und 10, die multipliziert eine Punktezahl von 100 ergeben. Kletterer B landet in allen drei Disziplinen auf Platz 5 und erhält 125 Punkte. Kletterer A hat weniger Punkte und landet in der Gesamtwertung vor Kletterer B und hat somit bessere Chancen, ins Finale einzuziehen. Im Finale sind die drei Disziplinen „en bloc“, also direkt hintereinander, zu klettern. 

Das Olympische Kombinationsformat feiert bei der Jugend- und Junioren-WM 2017 in Innsbruck Premiere bei einem internationalen IFSC-Event

Olympische Kombination, presented by Jessica Pilz und Tobias Plangger

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