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Mit Kraft und Effizienz 

Klettersport in Tirol

Mit Kraft und Effizienz 

Kletterstar Adam Ondra im Interview

"Innsbruck ist der perfekte Ort für ein spezifisches Training."

Text: Daniel Feichtner, Bild: Hannes Mair / Alpsolut

Kurz vor dem Kletter-Weltcup in Arco Ende August, bei dem er sich den zweiten Platz sicherte, machte Kletter-Legende Adam Ondra Halt in Innsbruck. sport.tirol hat mit dem tschechischen Spitzenathleten über den Sport, die Herausforderungen und sein Verhältnis zu Tirol gesprochen.

Adam, was bringt dich nach Tirol? Trainierst du auf einen speziellen Event? Adam Ondra: Innsbruck ist der perfekte Ort für ein spezifisches Training. Es ist so ziemlich die einzige Kletterhalle weltweit, in der die Routen genau so aussehen wie eine echte Wettkampfroute. Das ist perfekt für ein allerletztes Training – sozusagen als Simulation vor einem großen Wettkampf wie in Arco. Es hilft dabei, mich wieder an diesen Kletterstil zu gewöhnen. Außerdem gibt es zusätzliches Selbstvertrauen, wenn ich mich hier auf diesen Routen wohlfühle.

Welche Möglichkeiten zu klettern nutzt du, wenn du in Tirol bist? Ich habe viel Zeit hier in der neuen Kletterhalle und in der alten Tivoli-Halle verbracht. Die Halle im Tivoli war schon gut, aber hier ist es noch einmal viel, viel besser. Trotzdem finde ich natürlich auch Outdoor-Klettern toll. Und die Plätze in Tirol sind definitiv fantastisch. Am meisten Zeit habe ich im Klettergarten Schleierwasserfall in Going und im Zillertal verbracht. 

Was macht Tirol für einen Kletterer aus deiner Sicht besonders? Die Landschaft hier ist einfach fantastisch. Und die Abwechslung und Vielfalt beim Outdoor-Klettern. Du kannst hier wie am Schleierwasserfall, rund um Kufstein, im Rofangebirge oder an der chinesischen Mauer in Leutasch auf Kalkstein klettern. Oder aber auf perfektem Granit wie im Zillertal oder im Ötztal. Die Vielfalt ist enorm. Außerdem findet man perfekte Routen in allen Schwierigkeitsgraden – vom Anfänger- bis zum Pro-Level.

Es finden nun mehrere internationale Kletterveranstaltungen in Tirol statt. Hast du vor, an der Weltmeisterschaft 2018 in Tirol teilzunehmen? Und wirst du hier am europäischen Standort deines Partners Black Diamond darauf trainieren? Ja, bei den Weltmeisterschaften kommendes Jahr will ich definitiv dabei sein. In dieser neuen Kletterhalle, da bin ich mir sicher, wird das DER Event sein. Das will ich mir natürlich nicht entgehen lassen. Für mich ist es nicht sinnvoll, woanders zu trainieren als in meinem kleinen Boulder-Gym daheim, um an der Basis zu arbeiten und das Volumen zu erreichen. Erst in einem spezifischen Training simuliere ich dann wie hier den Wettkampf. Und in Mitteleuropa gibt es so ziemlich keine andere Kletterhalle, die diesen Anforderungen so gerecht wird wie die in Innsbruck.

 „Innsbruck ist der perfekte Ort für ein letztes Training. Es ist so ziemlich die einzige Kletterhalle weltweit, in der die Routen genau so aussehen wie eine echte Wettkampfroute.“ Adam Ondra

Klettern hat in den vergangenen zehn Jahren enorm an Popularität gewonnen. Warum, denkst du, hat sich das so entwickelt? Klettern ist definitiv ein wachsender Trend – nicht zuletzt dank der Kletterhallen, von denen es stetig mehr gibt. Die Frage ist, ob zuerst die Kletterer oder die Kletterhallen mehr geworden sind. Es gibt nicht so viele Leute, die in der Natur klettern – was ein wenig schade ist. Aber das ist wohl eine Frage der persönlichen Vorlieben. Ich mag eigentlich alles am Klettern und versuche auch, alles zu tun. Dementsprechend mache ich mir meine eigene Mischung aus Hallentraining, Wettkampfklettern und Outdoor-Klettern. So macht es mir am meisten Spaß.

Klettern sieht wie eine sehr physische Sportart aus. Wie groß ist die mentale Komponente? Der Kopf spielt definitiv eine große Rolle. Aber es ist schwer zu sagen, wo das Mentale aufhört und das Physische anfängt. Und natürlich braucht man ein gewisses Maß an Kraft. Aber dann kommt es darauf an, wie du diese einsetzt. Du kannst sehr viel Kraft haben, aber nicht wissen, wie du sie einsetzt. Oder du kannst zu nervös sein, um die Leistung zu bringen, die du eigentlich bringen könntest. Es gibt zwei mentale Ebenen. Eine ist, das Können und das richtige Feeling für den Fels und die Wand zu haben und zu wissen, wie man sich mit Effizienz eine Kletterwand hinaufbewegt. Und das ist sehr, sehr wichtig. Aber zugleich gibt es eine zweite Ebene, die vor allem im Wettkampf oder bei besonders schwierigen Projekten eine Rolle spielt. Da kommen Nervosität und Angst dazu. Das kann zur Folge haben, dass man eine halbe Sekunde zögert. Das kann wertvolle Kraft kosten, die ich weiter oben brauchen würde. Deswegen versucht man, solche Fehler zu eliminieren. Aber im Hinterkopf bleibt diese Angst, dieser Zweifel. Davon muss man sich befreien. Das ist eine sehr große Herausforderung. Besonders, wenn man unter dem Druck steht, im Finale einer Weltmeisterschaft zu stehen, und weiß, wie hart man für diesen Moment trainiert hat. Dann hast du fünf Minuten, um zu zeigen, was du draufhast. 

Du bist nicht nur einige der schwersten Routen der Welt geklettert, sondern hast auch einige von ihnen geplant und als Erster bezwungen. Denkst du, dir werden irgendwann die Herausforderungen ausgehen? Bei Wettkämpfen kann ich definitiv die Motivation verlieren. Wenn du den Weltcup oder die Weltmeisterschaft ein oder zwei Mal gewonnen hast, wird es vielleicht ein bisschen weniger interessant. Aber Klettern finde ich unglaublich toll. Nicht nur Sportklettern, nicht nur Bouldern, nicht nur Mehrseillängenrouten, sondern einfach alles. Und ich kombiniere all das miteinander. Besonders im Freien ist es kein Wettkampf gegen andere, sondern gegen die Herausforderung, gegen die Route, gegen etwas, was die Natur geschaffen hat. Ich habe jetzt schon so viele Routen und Projekte im Kopf, die mich so sehr beeindrucken und die ich eines Tages umsetzen will, dass ich mir ziemlich sicher bin, dass mir die spannenden Routen nie ausgehen werden. Deswegen weiß ich auch, dass ich das Klettern nicht aufgeben werde, solange es meine Gesundheit erlaubt.

Adam Ondra bewältigte bereits im Alter von 13 Jahren eine 9a-Route. Seine wichtigsten Erfolge: Er gewann dreimal WM-Gold (2011 im Overall, 2014 im Lead und im Bouldern), dreimal WM-Silber (2009 im Lead, 2011 und 2016 im Bouldern) und zweimal WM-Bronze (2011 und 2012 im Lead). 2009 (Lead), 2010 (Bouldern) und 2015 (Lead) wurde er Weltcup-Gesamtsieger. Auch abseits vom Wettkampfklettern hat der gebürtige Tscheche einen Namen. 2012 erschloss er die damals vielleicht schwerste Kletterroute der Welt, The Change in der Hansehellaren-Höhle in Norwegen, die mit 9b+ bewertet wurde. Im September 2017 ist ihm auch die Erschließung von Silence in derselben Höhle gelungen. Für diese Route schlägt Ondra die Einstufung 9c vor.

Findest du „normale“ Routen langweilig? Ich genieße das Klettern – auch in ganz einfachen Routen. Aber von Zeit zu Zeit muss ich eine Herausforderung finden. Dann beginne ich, mich für das Projekt zu interessieren, und ich fange an, viel Arbeit hineinzustecken. Wenn ich diesen Erfolg gehabt habe, dann kann mir eine einfache Route sogar noch mehr Spaß machen. Aber wenn ich eine leichte und eine sehr schwere Route sehe, sind die Versuchung und das Interesse bei der schweren meistens größer. Hat man einmal erlebt, wie es ist, mit solcher Leichtigkeit zu klettern, wenn man den perfekten Flow spürt, als ob es keine Schwerkraft gäbe, ist es schwer, wirklich mit dem Klettern zufrieden zu sein, wenn man nicht 100 Prozent fit ist. Es macht ein wenig süchtig, diese Momente zu erleben, wenn man sich so stark und leicht und fließend fühlt.

Hast du Tipps für Leute, die sich an dem Sport versuchen wollen? Klettern ist ein physischer Sport. Aber es ist viel mehr Technik dabei, als es den Anschein hat. Deswegen sollte man gerade als Anfänger einfach klettern, klettern, klettern, an so vielen Plätzen wie möglich. Draußen. Drinnen. So lernt man am meisten und wie man mit der größten Effizienz klettert. Ich bin überzeugt, dass es besser ist, vielleicht nicht der Stärkste zu sein, aber mit dem besten Stil und am effizientesten zu klettern. Dann ist die Genugtuung viel größer, als wenn man sich nur mit reiner Kraft von einem Griff zum nächsten zieht. 

Vielen Dank für das Gespräch. 

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