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Hoch hinaus

Hoch hinaus

Das niederländische WorldTeam Lotto NL-Jumbo zum Höhentraining in Kühtai

Text: Daniel Feichtner, Bild: Johannes Mair / Alpsolut

Gerade ist die dreiwöchige Vuelta a España, das drittwichtigste Rennen im Radsport, zu Ende gegangen. Mit am Start waren auch Fahrer des UCI WorldTeams LottoNL-Jumbo. Vorbereitet haben sich die Profisportler im Tiroler Kühtai auf 2.020 Metern. Sport.Tirol hat das WorldTeam beim Höhentraining besucht.

Im Sommer ist im Kühtai in der Regel wenig los. Die meisten Hotels bleiben geschlossen und nahezu alle Lifte stehen still. Während der warmen Monate gehören die Berge rund um den Ort vor allem Tagesgästen, die zum Wandern anreisen – und den Kühen, die auf den sommerlichen Almwiesen weiden. Doch dieses Jahr herrscht ein wenig mehr Betrieb. Das Hotel Kühtaier Alm hat heuer auch außerhalb der Wintersaison geöffnet – allerdings nicht für reguläre Gäste. Von Juli bis Anfang August hat sich dort das niederländische Radteam LottoNL-Jumbo eingemietet. Über mehrere Wochen nutzen die Athleten einen der höchstgelegenen Skiorte Österreichs zum Training – und sie sind damit nicht die einzigen.

Höhentraining

Die Höhenlage, die Topografie und die gute Erreichbarkeit machen Tirol für das niederländische Team Lotto NL-Jumbo zur idealen Trainingsdestination.

Marktlücke

„Wir sperren seit vier Jahren für Profisportler auch im Sommer auf“, erzählt Harald Föger, Geschäftsführer der Kühtaier Alm. „Trainingsmöglichkeiten und Unterkünfte auf 2.020 Metern Seehöhe können nur wenige Orte bieten. Und das spricht sich immer mehr herum.“ Die Niederländer sind nicht die Ersten, die das Kühtai für sich entdecken. Bereits in den vergangenen Jahren haben unter anderem deutsche Leichtathleten und mehrere Fußballteams ihren Weg zur Kühtaier Alm gefunden. Denn vom Höhentraining können Athleten verschiedenster Disziplinen profitieren. Für das niederländische Team gibt es aber gleich mehrere Gründe, das Lager hier in Tirol aufzuschlagen.

Top-Leistung

„Primärer Aspekt ist für uns natürlich das Höhentraining, das es unseren Athleten erlaubt, ihre Leistungen zu steigern “, sagt Grischa Niermann, der als Trainer von LottoNL-Jumbo mit vor Ort ist. Dafür müssen sich die Sportler idealerweise auf mindestens 2.000 Metern Seehöhe aufhalten – also nicht nur zum Training, sondern auch in den Ruhephasen. Mit dem dort niedrigeren Luftdruck nimmt der Körper pro Atemzug auch weniger Sauerstoff auf. Das versucht er zu kompensieren, indem er mehr rote Blutkörperchen bildet, die Sauerstoff binden und zu den Muskeln und Organen transportieren. 

Gewissermaßen erhöht der Organismus das „Verkehrsaufkommen“ in seinen Blutbahnen, um ausreichende Versorgung zu garantieren. Begibt sich ein Athlet wieder in eine niedrigere Lage, wird der Körper dank dem Plus an roten Blutkörperchen mit mehr Sauerstoff versorgt und die Muskeln können mehr Leistung bringen. Im Schnitt erreicht ein Sportler seinen Leistungshöhepunkt etwa zehn Tage nach dem Höhentraining – allerdings reagiert jeder Körper ein wenig anders. Der positive Effekt bleibt aber in jedem Fall eine Zeit lang bestehen, bevor er wieder verebbt.

Richtig dosiert

Um dieses Fenster nutzen zu können, versuchen die Radsportler, ihren Aufenthalt im Kühtai so gut wie möglich zu timen. „Aktuell trainieren wir vor allem auf die Vuelta a España und die Polenrundfahrt“, erklärt Niermann. „Gerade im Juli während der Tour de France finden keine anderen großen Rennen statt. Die Chance nutzen wir, um fast dem ganzen Team ein Höhentraining zu ermöglichen.“ So verbringen beinahe alle JumboNL-Lotto-Athleten – abgesehen von den Tour-Teilnehmern – Zeit in Tirol. 14 von ihnen bleiben gemeinsam mit sechs Betreuern ganze drei Wochen, während einige andere zeitlich versetzt an- und abreisen. 

„Gerade für uns von den Niederlanden aus ist Tirol hervorragend angebunden. Das spart nicht nur Zeit und Nerven, sondern schlussendlich auch Kosten.“ Grischa Niermann, Trainer LottoNL-Jumbo

Der Aufenthalt in der Höhe ist allerdings auch mit Vorsicht zu genießen. Denn die zusätzliche Belastung birgt die Gefahr, sich schnell zu übertrainieren. Deswegen werden die Sportler immer von einem Trainer begleitet und es wird auch nicht am Limit trainiert. Stattdessen bekommen sie erst etwas Zeit, sich zu akklimatisieren. Dann folgen lange, ruhige Einheiten und erst gegen Ende des Trainings wird der Körper mit Intervallen an seine Grenzen gebracht. „Im Tal könnte man im selben Zeitraum zwar härter trainieren“, meint Niermann. „Der Effekt der Höhe macht das aber mehr als wett.“

Das richtige Training

Zugleich ist besonders für das niederländische Team die Geografie enorm wichtig. Pro Trainingstag bewältigen die Athleten rund 3.000 Höhenmeter – ein Pensum, für das sie in ihrer Heimat viele Ausfahrten addieren müssten, meint Niermann: „Eine Etappe mit 20 Kilometern kontinuierlicher Steigung gibt es bei uns einfach nicht. Und viele Rennen werden auf den Pässen entschieden. Das muss also trainiert werden – ebenso wie die Abfahrten.“ Denn am Weg ins Tal erreichen die Fahrer oft gut und gerne 100 Stundenkilometer und mehr. Gerade für Bewerbe wie die Tour de France oder die Vuelta a España ist es entsprechend wichtig, Erfahrung auf Bergstrecken zu sammeln. Und diese Chance nutzen die Radsportler auch. Pro Woche im Kühtai legen sie im Schnitt 700 bis 800 Kilometer zurück.

Grischa Niermann, Ex-Radprofi und Trainer, war bei den Ausfahrten in Kühtai selbst mit am Start.

Bestzeiten

Wie gut das Höhentraining anschlägt, zeigt sich erst nachträglich. Der unmittelbare Effekt auf den Organismus ist nur schwer messbar. Das ist aber auch nicht nötig, denn die Leistungen nach dem Aufenthalt sprechen für sich, erzählt Koen Bouwman. Der 23-Jährige fährt seit dem vergangenen Jahr für LottoNL-Jumbo. Die drei Wochen im Kühtai sind sein zweites Höhentraining. „Ich war schon am Teide auf Teneriffa“, erzählt er. „Damals auch drei Wochen lang. Und die Zeiten, die ich danach fahren konnte, waren extrem gut.“

Erst der Anfang

Im Gegensatz zum Teide, der bereits seit Jahren beliebte Destination für Spitzensportler aus aller Welt und unterschiedlichsten Disziplinen ist, gilt das Kühtai noch als Geheimtipp. Zwar ist und bleibt der Vulkan auf der spanischen Insel eine der wenigen Anlaufstellen, die auch im Winter genutzt werden können. Im Sommer hat der Tiroler Ort aber einige Vorteile zu bieten. „Hier haben wir abseits vom Training doch die eine oder andere Möglichkeit, etwas zu unternehmen“, meint Bouwman. „Auf Teneriffa gab es genau unser Hotel – und dann nichts für 25 Kilometer in beide Richtungen. Hier haben wir ein wenig mehr in der Nähe. Egal, ob wir uns an einem Erholungstag E-Mountainbikes ausleihen oder nach dem Training den Eseln auf der Weide nahe beim Hotel einen Besuch abstatten.“ Das hilft auch, mental bei der Sache zu bleiben und macht das Training angenehmer. „Nach drei Wochen am Teide hat man eher genug und freut sich darauf heimzukommen. Hier könnte ich schon noch ein paar Tage dranhängen.“

Kilometer sammeln

Während ihres Tirolaufenthaltes legten die Fahrer von Lotto NL-Jumbo 600 bis 700 Kilometer pro Woche bzw. 3.000 Höhenmeter pro Trainingstag zurück.

Erreichbarkeitsplus

Zudem ist das Kühtai durch seine Lage deutlich attraktiver als die Atlantikinsel. Der Tross der Sportler mit dem Team-Truck, den Rädern und dem gesamten Equipment konnte über die Autobahn anreisen. Und mit dem Flughafen Innsbruck ist auch ein internationaler Flughafen in greifbarer Nähe – ebenso wie zusätzliche medizinische Versorgung, sollte es nötig sein. „Gerade für uns von den Niederlanden aus ist Tirol hervorragend angebunden“, meint Niermann. „Das spart nicht nur Zeit und Nerven, sondern schlussendlich auch Kosten.“

Koen Bouwman absolvierte in Kühtai das zweite Höhtraining als Teammitglied von Lotto NL-Jumbo.

Erst der Anfang

Für eine Top-Platzierung bei einer der großen Länderrundfahrten müssen viele Faktoren stimmen – das Höhentraining bildet dabei nur eine Grundlage. Fest steht jedoch, dass sowohl die LottoNL-Jumbo-Fahrer als auch das Kühtai von diesem Aufenthalt profitieren. Denn für die Tiroler Region ist die Marktnische Höhentraining definitiv eine große Chance – nicht zuletzt im Hinblick auf die UCI Road World Championships, die 2018 in Innsbruck zu Gast sein werden. „Wir haben hier im Kühtai die besten Voraussetzungen“, ist Harald Föger überzeugt. „Und ich bin mir sicher, dass das in Zukunft noch mehr Athleten aus aller Welt wahrnehmen und nutzen werden, wenn wir es ihnen anbieten.“

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