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Der Wegebauer

Radland Tirol

Der Wegebauer

"Wenn ich privat unterwegs bin dann immer mit Spaß. Und immer noch mit Vollgas."

Text: Rebecca Müller

Christian „Picco“ Piccolruaz ist ein Pionier der heimischen Mountainbike-Szene. Mittlerweile hat er es sich zum Beruf gemacht, anderen Radsportbegeisterten buchstäblich den Weg zu ebnen.

Die Berge faszinieren Christian Piccolruaz, seit er sich zurückerinnern kann. Eine Ausbildung zum Berg- und Skiführer war für ihn eine ebenso logische Entscheidung wie jene, ein Studium der Geologie zu absolvieren. Wie er sein theoretisches Wissen später in seinen beruflichen Alltag würde einbauen können, war dem 45-Jährigen damals natürlich nicht bewusst. Dass heute schlussendlich alles perfekt zusammenspielt, amüsiert Christian Piccolruaz selbst ein wenig. 

Picco baut Trails – einzelne Strecken und ganze Bikeparks. Sein Wissen als Geologe ist dabei nur von Vorteil, und dass er auf einen Staatsmeistertitel im Downhill verweisen kann, schadet der Sache auch nicht. „Das mit dem Radfahren hat sich Stück für Stück entwickelt“, blickt er bescheiden zurück. Vor über 20 Jahren zählte er zu den ersten Downhillern im Alpenraum. Schon früh hat er sich auch dafür eingesetzt, den Sport aus den Grauzonen zu holen und mit Verantwortlichen aus der Politik gemeinsame Wege zu finden. „Hier ist sehr viel passiert“, so Piccolruaz. Und in puncto Singletrails soll noch sehr viel mehr passieren – wofür er mitunter persönlich sorgen wird.

Leidenschaft für die Tiroler Natur

Die Berge faszinierten Christian Piccolruaz schon immer. Beim Anlegen der Trails achtet er deshalb darauf, die Umgebung einzubinden, so auch beim neuesten Projekt im Stubaital.

© Manfred Jarisch

Bike 2.0

Mit dem Mountainbike-Modell hat das Land Tirol 1997 die Möglichkeit geschaffen, Forstwege für Radfahrer freizugeben. Die Angst vor Haftungen wird den Wegebesitzern über eine vom Land gestellte Versicherung genommen. Das so geschaffene Routennetz hat mittlerweile eine Gesamtlänge von rund 5.000 Kilometern. Die Strecken sind einheitlich beschildert und nach Schwierigkeitsstufen kategorisiert. „Durch die Angabe des Schwierigkeitsgrads wird eine mögliche Haftung des Wegehalters weiter abgeschwächt“, erklärt Dieter Stöhr, stellvertretender Direktor der Abteilung Forstorganisation. „Denn die meisten Unfälle passieren dort, wo die Betroffenen ihr Können überschätzen.“ 

Mit dem Mountainbike-Modell 2.0 will man sich nun den Trails widmen. Eine Million Euro stellt das Land noch bis Ende des Jahres zur Verfügung, um den Ausbau zu fördern. Mit dieser Summe können 100 Kilometer neue Trails gebaut werden. „Abgesehen von dieser einmaligen Förderung gibt das Land ab 2017 300.000 Euro jährlich für die Weiterentwicklung des Bike-Potenzials aus“, erzählt Stöhr. Eine der größten Herausforderungen beim Bau von Trails und Bikeparks sind die Grundbesitzverhältnisse.

Waldbesitzer und Wegebauer müssen in puncto Trails einen gemeinsamen Weg finden. © Manfred Jarisch  

Dieter Stöhr, stellv. Direktor der Abteilung Forstorganisation. © privat

„Bei den Wegen gibt es meist nur einen Besitzer, mit dem man einen Vertrag abschließen muss, bei den Trails sind es in der Regel mehrere“, erklärt Stöhr. Am Ende gilt es oft, Kompromisse zu finden. Ein Miteinander steht für Dieter Stöhr und seine Kollegen in der Landesforstorganisation ohnehin immer an erster Stelle: „Wir wollen Möglichkeiten schaffen, damit das touristische Potenzial genutzt werden kann und gleichzeitig alle, die die Natur in der Freizeit nutzen, dafür sensibilisieren, dies mit Vorsicht und Respekt zu tun.“

Mit der Natur arbeiten 

Mitunter komplizierte Verhandlungen kennt auch Christian Piccolruaz. Wenn er sich einem neuen Projekt widmet, bietet er den Auftraggebern deshalb auch an, Informationsveranstaltungen für Anwohner und Grundbesitzer zu machen. „Hier muss man schon noch ein wenig Aufklärungsarbeit leisten. Viele haben immer noch das Bild von Bikern im Kopf, die kreuz und quer durch den Wald fahren und auf verbotenen Wegen unterwegs sind“, so Piccolruaz. Zuvor gilt es aber, eine Machbarkeitsstudie durchzuführen.

Was wo und in welchem Rahmen umsetzbar ist, ist zu einem großen Teil schlicht von den Gegebenheiten abhängig. „Das Gelände gibt schon sehr viel vor“, erklärt Christian Piccolruaz. Gerade darin liegt für ihn aber auch der Reiz: „Mein Anspruch ist, die Trails so natürlich wie möglich anzulegen und die Umgebung, den Wald und das Licht einzubinden. Eine Autobahn kann man überall bauen.“ Aus der Natur zieht er daher auch die Inspiration für das Design seiner Trails. Dass ein geplanter Trail gar nicht gebaut werden kann, weil zum Beispiel der Boden dies nicht zulässt, kommt nur selten vor.

Baubeginn mit Schneeschmelze

Hat man die Zustimmung der Grundeigentümer und die notwendigen naturschutz- und baurechtlichen Genehmigungen, steht dem Bau nichts mehr im Weg. Je nach Art der Strecke kann es auch zum Einsatz schwerer Geräte kommen, wie Christian Piccolruaz erzählt: „Bauen wir eine blaue, also eine leichte Strecke, muss sie flach, quasi barrierefrei werden und dafür brauchen wir meist einen Bagger.“ Für andere Trails werden wiederum „nur“ Muskelkraft, Schaufel und anderes Werkzeug eingesetzt.

Die Bauzeit ist naturgemäß von den Dimensionen des Projekts abhängig. Meist beträgt sie drei bis vier Monate. Geplant und verhandelt wird zuvor im Winter, mit der Schneeschmelze beginnen Piccolruaz und sein Team mit dem Bau und mit Start der Sommersaison wird idealerweise Eröffnung gefeiert. Im Jahr darauf werden die Strecken nicht selten adaptiert oder ausgebaut. „Nach der ersten Saison lassen wir gerne das Feedback der Biker einfließen und tüfteln noch weiter“, erzählt Piccolruaz. Richtig fertig ist so ein Trail oder ein Bikepark ohnehin nie. Vor allem die Sprünge müssen immer wieder nachgebessert und alle Strecken regelmäßig gewartet werden.

© Manfred Jarisch (2)

Christian „Picco“ Piccolruaz mag seine Arbeit. Das Bauen von Trails und Bikeparks macht ihm erkennbar Freude. Auch seine Liebe zur Natur und der tiefe Respekt vor ihr sind offensichtlich. Seine Leidenschaft für den Sport selbst hat er indessen auch nicht verloren, auch wenn er mittlerweile einen anderen Stellenwert einnimmt: „Als Sportler bin ich quasi täglich mit dem Fahrrad unterwegs gewesen. Heute schaff ich das noch zwei, höchstens drei Mal in der Woche. Wenn man eine Familie gründet, verschieben sich Prioritäten und das ist auch gut so.“ Trotzdem verbringt er allein auf Berufswegen viel Zeit auf zwei Rädern – um seine Strecken zu testen zum Beispiel. Als reines Mittel zum Zweck betrachtet er das Biken aber nicht. Im Gegenteil: „Wenn ich privat unterwegs bin dann immer mit Spaß. Und immer noch mit Vollgas.“

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