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Trainingsdestination Osttirol

Bora-hansgrohe in Osttirol

Trainingsdestination Osttirol

Trainingsausfahrt inklusive Sprint- und Intervalltraining

Text: Eva Schwienbacher, Bild: Reini Fichtinger

Das deutsche World-Tour-Radteam Bora-hansgrohe, eines der besten weltweit, trainiert seit heuer regelmäßig in Osttirol. Sport.Tirol hat den Rennstall im Rahmen seines Sommertrainingslagers auf eine Trainingsausfahrt begleitet. 

Es ist kaum zu übersehen, dass sie da sind: Zwischen normalen Autos regulärer Gäste steht am Zettersfeld auf 1.850 Metern vor dem Sporthotel Hochlienz der Truck des Profiradteams Bora-hansgrohe. Die Lade- und Beifahrertüren des schwarzen Transporters sind offen, an der Seite stehen sorgsam aufgereiht acht Carbon-Räder. Daneben ein Klapptisch mit Energieriegeln, Bananen, Gels. Der Transporter ist bei Länderrundfahrten Radlager, Werkstatt, Wohnzimmer, Küche und Waschsalon. Und auch bei Trainingslagern wie hier in Osttirol ist er ein treuer Begleiter. 

Wanderer spazieren vorbei, um noch vor den angekündigten Wärmegewittern den sonnigen Tag auszunutzen. Freizeitradler halten jedoch an. Ihre Blicke sind auf den Parkplatz gerichtet, wo nach und nach Radrennfahrer in schwarz-türkisen Trikots sowie ihre Betreuer aus dem Hotel kommen. In der Ferne rattert ein Sessellift, gleichzeitig ist das Klick-Klick der Radschuhe am Asphalt zu hören. Es werden letzte Vorbereitungen für die geplante Trainingsausfahrt getroffen – hier noch an einem Rad geschraubt, da noch Trinkflaschen in die Halterungen gesteckt, Probe gefahren. Es wird gescherzt und gelacht. Schließlich fahren die Rennradfahrer los. Ihr erstes Ziel: die Bergstation der Umlaufbahn Zettersfeld – Lienz, die die Athleten ins Tal zum Start der Ausfahrt bringt.

Jedes Training erfüllt einen Zweck 

Es ist bereits das zweite Trainingslager des Bora-hansgrohe-Teams in Osttirol. Zehn der insgesamt 27 Athleten der Mannschaft, die Weltmeister, Staatsmeister, Giro-Etappen-Gewinner und eine Reihe an jungen Hoffnungsträgern unter Vertrag hat, bereiten sich hier auf die restlichen Rennen der Saison vor. 

Wie jeder Trainingstag folgt auch dieser einem straffen Plan. Außer Essen, Massage, Physiotherapie und Schlafen steht vor allem eine vierstündige Ausfahrt auf dem Programm, das sich in drei Phasen unterteilt: eine zirka 20 Kilometer lange Fahrt in der Ebene im Team, gefolgt von einer Aufteilung der Gruppe fürs Sprint- bzw. Intervalltraining und zum Schluss ein Bergfahren nochmal für alle.

„Das stabile Wetter, die Bergstraßen, die Kulisse und die gute Zusammenarbeit machen Osttirol zu einer idealen Trainingslocation.“ Helmut Dollinger

„Jeder Tag erfüllt einen Zweck. Jedes Training verfolgt ein bestimmtes Ziel“, erklärt der Tiroler Helmut Dollinger, einer der drei Trainer der Equipe. Der 48-Jährige, der seit heuer für den Rennstall aus Bayern arbeitet, ist für neun Fahrer zuständig, darunter die drei Österreicher Patrick Konrad, Lukas Pöstlberger und Gregor Mühlberger, die auch in Osttirol am Start sind. Gemeinsam mit zwei sportlichen Leitern, Masseuren, Physiotherapeuten und einem Mechaniker betreut er die Sportler während des Trainingslagers.

Trainer Helmut Dollinger bei der Besprechung der Laktatwerte mit Gregor Mühlberger. Beim Intervalltraining hat letzterer mit durchschnittlich 6 Watt pro Kilogramm in die Pedale getreten. Im Profiradsport wird aktuell fast ausschließlich die Leistungsmessung für die Trainingssteuerung herangezogen. Der Vorteil der Leistungsmessung in Watt besteht u. a. darin, dass die Trainingsvorgabe frei von zahlreichen und individuellen Einflüssen gegeben werden kann und doch genau und vergleichbar ist. Fahrer der Weltelite sind z. B. in der Lage, eine Dauerleistung über ca. 45 Min. von 6 – 6,5 Watt pro Kilogramm zu erbringen. Ein Hobbyfahrer vergleichsweise ist schon mit 3 – 3,5 Watt pro Kilogramm ganz gut unterwegs – damit wäre etwa beim legendären Ötztalradmarathon eine Zeit von ca. 10 Stunden möglich. 

Ideale Trainingsdestination

Dollinger war ebenfalls Radprofi. In seiner aktiven Zeit hat er in Osttirol selbst etliche Kilometer abgespult und war einer von jenen, die sich für eine Trainingspartnerschaft mit der Region starkgemacht haben. „Das stabile Wetter, die Bergstraßen, die Kulisse und die gute Zusammenarbeit machen Osttirol zu einer idealen Trainingslocation“, erklärt Dollinger. Im Mai konnte die Mannschaft zum Beispiel dank des schönen Wetters täglich trainieren. „In anderen Bergregionen hätte es da noch geschneit.“ Einige Fahrer haben sich in der ersten Trainingswoche sogar von ihren Freundinnen und teils auch ihren Kindern hierher begleiten lassen. 

Dass sich die Mannschaft hier wohlfühlt, bestätigt auch der Radprofi Lukas Pöstlberger, als er in der Gondel auf dem Weg hinunter ins Tal sitzt. „Ich hätte gerne Silvester am Zettersfeld verbracht, leider ist das Hotel bereits ausgebucht“, sagt er. Der 25-Jährige ist seit heuer für Bora-Hansgrohe am Start. Wie seine Landsmänner Konrad und Mühlberger fuhr er früher auch für das Tirol Cycling Team. Für alle drei war die Tiroler Mannschaft ein wichtiges Sprungbrett.

Nun Teil einer Mannschaft der ersten Liga im Radsport zu sein, hat sein Leben als Radprofi stark verändert. „Es ist alles professioneller geworden – das Training, die Tests, die Betreuung“, so Pöstlberger. Dass er es mit den Stärksten im Radsport aufnehmen kann, hat der Oberösterreicher heuer unter anderem beim Giro d’Italia bewiesen: Als erster Österreicher gewann er eine Etappe der zweitwichtigsten Länderrundfahrt. Sein nächstes Ziel: „Einmal bei der Tour de France oder der Vuelta vor allen anderen durch das Ziel rollen."

Die drei Österreicher bei Bora-hansgrohe: P. Konrad, G. Mühlberger und L. Pöstlberger

Intensive Belastung

An der Talstation in Lienz angekommen, steigen die Radler aus der Gondel und in den Sattel. Gemeinsam mit zwei Begleitautos bewegt sich das Peloton in die 20 Kilometer entfernte Ortschaft Huben bei Matrei. 

Abwechselnd vor und hinter der Mannschaft fahrend, hält Helmut Dollinger im Begleitwagen immer wieder am Straßenrand an, um andere Autofahrer vorbeizulassen oder mit dem Team zu kommunizieren. Von den Betreuern sind höchste Konzentration und Aufmerksamkeit gefordert. „Im Radsport liegt es in der Natur der Sache, im Straßenverkehr zu trainieren. Da muss man immer mit Überraschungen rechnen, wie Straßensperren oder Baustellen, und entsprechend reagieren“, so der Trainer.  

Nach der Passage im Flachen geht es für die Rennradfahrer so richtig zur Sache: Während die Allrounder, wie Christoph Pfingsten, Juraj Sagan und Lukas Pöstlberger, im Flachen auf einer 2,5 Kilometer langen Strecke beim Sprinttraining gegeneinander in die Pedale steigen, tritt der Rest, etwa Patrick Konrad, Gregor Mühlberger oder Cesare Benedetti, beim Intervalltraining gegen die Widerstandskraft des Bergs an. Für Letztere gilt es, fünf Mal denselben rund 2,3 Kilometer langen Anstieg Richtung Kals am Großglockner mit genau definierten Vorgaben, was die Zeit und Umdrehungen betrifft, zu bewältigen. Die Wattangaben sind individuell auf die Fahrer abgestimmt. Nach jeder intensiven Belastung misst Helmut Dollinger mit einem mobilen Messgerät die Laktatwerte der Sportler. 

Mit 385 Watt Richtung Kals

„Die Laktatwerte geben uns in Kombination mit den Wattangaben wichtige Aufschlüsse über die Leistungsfähigkeit der Fahrer. Dementsprechend wissen wir auch, wo wir im Training ansetzen müssen“, erklärt Dollinger. Das Training in Pro-Teams habe sich prinzipiell in den letzten Jahren extrem spezialisiert, erzählt er. „Vom Ernährungsberater über den Biomechaniker bis hin zum Sportwissenschaftler – um im Radsport vorne mitmischen zu können, benötigt es einen breit gefächerten Betreuerstab. Nur so lässt sich die maximale Leistung aus den Athleten herausholen.“ Jeder Fahrer hat seinen eigenen Trainingsplan mit detaillierten Angaben.

Der amtierende österreichische Staatsmeister Gregor Mühlberger, er bringt 64 Kilogramm auf die Waage, tritt beispielsweise mit durchschnittlich 385 Watt Richtung Kals. Wie es ihm nach seinem letzten Intervall geht? „Es läuft! Ich habe heute super Beine und fühle mich gut. Lediglich die zwei Minuten mit maximaler Trittfrequenz waren extrem anstrengend.“ Doch noch können sich seine Waden nicht ausruhen, denn bevor es zur Massage zurück ins Hotel am Zettersfeld geht, gilt es, noch einmal 1.200 Höhenmeter und 65 Kilometer abzustrampeln. „Dieser letzte Block ist Teil des Ausdauertraininigs und dient dazu, die Stoffwechselprodukte aus der Muskulatur zu bringen. Dadurch lernt der Körper, das zuvor produzierte Laktat wieder abzubauen sowie die Kapillarisierung der Muskulatur zu erhöhen“, erklärt Dollinger. 

Intervalltraining

 Insgesamt acht Minuten, davon zweimal jeweils eine Minute mit 50 U/min. im Stehen, zwei Minuten mit 70 U/min. im Sitzen, eine Minute mit nochmals gesteigerter Trittfrequenz von 90 bis 100 U/min. Das Ganze an der anaeroben Schwelle des Rennfahrers.

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